Alles ist Theater - Erfolgsautorin Yasmina Reza begleitete Nicolas Sarkozy auf seiner Wahlkampftour

München - "Alexander und Dschingis Khan hatten ein richtiges Leben. Sie haben Territorien geschluckt, Armeen angeführt, Blut fließen lassen. Jeder Rückzug war echt, jeder Sieg war echt. Jeder Tod war echt. Wer verlor, wurde gepfählt. Und die Politiker heute, was für ein Leben führen die?"

Eine berechtigte Frage, die mehr so en passant in "Frühmorgens, abends oder nachts" gestellt wird, dem neuen Buch der französischen Erfolgsautorin Yasmina Reza ("Der Gott des Gemetzels").

Sie hat im vergangenen Jahr Nicolas Sarkozy auf seiner Wahlkampftour durchs Land begleitet - mit dem Ziel, ihre tagebuchartigen Eindrücke, Erkenntnisse, Gespräche zu veröffentlichen. Sarkozy hatte dem Unternehmen gerne zugestimmt, er fühlte sich geschmeichelt, dass die berühmte Stückeschreiberin ihn porträtieren wollte. Alles ist Show, alles ist Bühne, alles ist Theater; gestellt, gespielt, deklamiert und manchmal sogar mit einigen echten Tönen. 2007 bereits in Frankreich erschienen, ist dieses aufschlussreiche Konvolut über einen so widerspruchsreichen Charakter, wie es dieser kleine Franzose augenscheinlich ist, nun ab morgen auch auf Deutsch zu haben.

Ob der Präsident der Grande Nation mit seinen privaten Wunderlichkeiten und öffentlichen Ausrastern dem Verkauf des Buches einen guten Dienst erweist, ist noch die Frage. Tatsächlich nimmt auch hierzulande das Interesse an der Person Sarkozys rasant ab. Und wer sich Intimes zum Thema Carla Bruni erwartet: Damit kann das Buch nicht dienen; noch ist - 2007 - Sarkozy mit Cecilia verheiratet. Aber das Privatleben spielt im Wahlkampf nicht wirkliche eine Rolle. Dass "Frühmorgens, abends oder nachts" dennoch zu einer geistreichen, amüsanten und aufschlussreichen Lektüre wird, liegt an dem intelligenten Witz, mit dem Yasmina Reza alles aufschreibt, was ihr erinnerns- bzw. mitteilenswert erscheint.

Aus ihrer ganz und gar subjektiven Sicht zeichnet sie das Bild eines Mannes, der angetreten ist, um Frankreichs Präsident zu werden. Sie reist mit ihm durch die französische Provinz. Jeden Tag ein anderes Kaff und mindestens noch eins dazu, eine Fabrik nach der anderen, früh um fünf Auftritt in der Fischhalle, mittags ein Gespräch mit Wissenschaftlern, die sich herrlich arrogant dem Kandidaten überlegen fühlen. Dann ein Besuch in einem Heim für Alzheimerkranke, wo Sarkozy eine Frau fragt, wie lange sie schon hier sei. Eine Stippvisite im Ziegenstall eines Bauern, bei den schweren Jungs im Gefängnis, im Schminkraum eines TV-Studios, Rede in einer Kongresshalle - und dazwischen Charmeoffensiven, Zornesausbrüche, geistiges Abschalten, jünglingshafte Eitelkeiten und manchmal auch spontane Anwandlungen von Aufrichtigkeit.

Das Besondere dieses Buches ist nicht der intime Blick auf den zukünftigen Präsidenten. Eigentlich wäre seine Figur austauschbar, zum Beispiel gegen Tony Blair, Chirac oder Angela Merkel, über alle die er sich recht privat auslässt. Die Wahlkämpfe, die großen und kleinen Auftritte, das Banale und manchmal auch das Erhabene, die Überheblichkeit und die Leutseligkeit - sie ließen sich wohl auf jede andere Polit-Lokomotive übertragen.

Das Verlockende an diesem Buch ist die Art, wie die Autorin auf Sarkozy schaut: nämlich weitgehend mit der Objektivität der gewieften Dramatikerin, die jeder Figur zu ihrem eigenen Recht verhilft. Aus der Summe des Dargestellten ergibt sich dann das kritische Gesamtbild. Ein Charakter- und Politpuzzle großen weiblichen Formats. Dabei kann oder will Yasmina Reza mit der ihr zur Verfügung stehenden Selbstironie nicht verbergen, dass auch sie dem Charisma des kleinen Mannes mitunter wehrlos ausgeliefert ist. 

Yasmina Reza:

"Frühmorgens, abends oder nachts".

Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel.

Carl Hanser Verlag, München, 202 Seiten; 17,90 Euro.

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