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Hier geht es allein ums Überleben: Hans-Michael Rehberg als Davies (li.) und Shenja Lacher als Aston.

Alles unheimlich echt

München - Eine idealtypische Inszenierung: Andrea Breth bringt Harold Pinters „Der Hausmeister“ am Residenztheater heraus. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Ein Happy End ist bei Harold Pinter eher nicht vorgesehen – aber im Residenztheater gab es am Mittwochabend eines: Handkuss von Regisseurin Andrea Breth für Schauspieler Hans-Michael Rehberg, der diesen zurückgab. Und eine Torte, kredenzt von Hausherr Martin Kušej, denn Rehberg hatte Geburtstag (Jahrgang 1938). Das wichtigere und neugierig erwartete Ereignis war jedoch die erste Inszenierung der berühmten Theatermacherin in München: Harold Pinters Drei-Männer-Stück „Der Hausmeister“, 1960 uraufgeführt, hatte mit Rehberg in der Titelrolle Premiere (zweieinhalb Stunden ohne Pause).

Berühmt hin oder her, Breth gehört nicht zu der Regie-Spezies, die gern eine Ego- Show abzieht. Sie nimmt den Text des Autors mit respektvollem Ernst an, und sie lotet mit wacher Analyse das Potenzial ihrer Schauspieler aus. Das kann der Zuschauer jetzt bei ihrer geradezu idealtypischen Pinter-Inszenierung bestens verfolgen, die obendrein mit vielen feinen Miniaturen aufwartet. Zumal der Brite selbst in diesem Drama – auch – über Spielen, anderen etwas Vorspielen, Spielverläufe und -züge nachdenkt und ganz theaterpragmatisch jedem Schauspieler einen besonderen Auftritt zugesteht. Den hatte also nicht nur Rehberg als Davies, sondern auch Shenja Lacher als Aston und Norman Hacker als Mick – den man übrigens noch nie so gut gesehen hat wie unter Breths Führung.

„Der Hausmeister“ von Pinter (1930–2008) ist die Antwort auf Samuel Becketts „Warten auf Godot“. Nur rückt Pinter hautnah an unsere Lebenswirklichkeit heran – und drängt sie dann um eine gefährliche Nuance aus der Spur. Alles scheint unheimlich echt und ist deswegen tatsächlich unheimlich. Nur konsequent, dass Astons ausgesprochen unheimelig haust. Akribisch genau hat Annette Murschetz das Gerümpel (Requisite: Angelika König), das Pinter vorschreibt, in einen Dreieckskasten (problematische Akustik) auf die Resi-Bühne gesetzt: ein unbeheizbarer Unterschlupf, kein angenehmer Lebensraum. Und doch wissen wir, dass ein Großteil der Menschheit so gewohnt hat und wohnt. Hier geht’s allein ums Überleben. Trotzdem scheint keiner der drei Männer zu arbeiten. Sie existieren im Reden, durchs Reden, egal ob im Monolog, Wortgefecht, Erzählen, Verhören, im Fragen, Lügen, Ausredenerfinden, Manipulieren oder im Herumschwafeln. Selten ist die Kommunikation freundlich, absichtslos oder gar liebevoll.

Die drei Männer, der Obdachlose Davies, der Kleinstunternehmer Mick und sein behinderter Bruder Aston, treiben Machtspielchen und können durchaus stellvertretend für uns alle stehen. Denn Pinter schleust raffiniert und en passant in sein scheinbar nur kleines Stück alle Verhaltensformen von Menschen ein: von der Nächsten- und Bruderliebe bis zum panischen Egoismus, vom Geschäftsgebahren, dessen notorische Verlogenheit vorgeführt wird, bis zur Angst vor Fremden. Andrea Breth nimmt die Komposition von Harold Pinter auf und formt deutlich „Arien“, „Duette“ und Stille aus. Eine elegante Beiläufigkeit wird sich wohl erst nach der Premierenaufregung peu à peu einstellen – einerseits. Andererseits analysiert das offensiv „Opernhafte“ zu Recht Pinters Verfremdungsstrategie und surreale Setzung.

Hans-Michael Rehbergs Stimme liebt den Singsang. Hier aber versagt er sich die Routine und modelliert diesen grantigen Penner, der nie ein Hausmeister werden wird, der jeden Ast, an den er sich klammern kann, gleich abreißt, aus ebenso vielen stimmlichen wie körpersprachlichen Facetten. Hals und Kopf werden geradezu zu eigenständigen Schauspielern. Man wagt gar nicht, Rehberg aus den Augen zu lassen, um nur ja nichts zu verpassen.

Shenja Lacher und Norman Hacker können jedoch neben ihm bestehen. Lacher gibt seinem Aston eine kraftvolle Innerlichkeit, die ihn vor den anderen beiden Kerlen auszeichnet. Der Schauspieler macht dessen Wahrhaftigkeit glaubhaft und zeigt uns mit Astons Strahlen, dass es eine bessere Welt geben könnte. Hacker darf sehr körperbetont den unberechenbaren Mick aus sich heraustanzen. Breth erlaubt ihm eine schräge Virtuosennummer des Undurchschaubaren; allerdings so, dass wir uns fragen können: Ist dahinter nur Leere oder doch irgendeine Wahrheit? Und damit erzählen Harold Pinter sowie Andrea Breth außerdem viel über Theater, Schauspielerei und über die Kunst generell. Herzlicher Applaus für alle.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

5. und 28. April sowie

9., 10. und 14. Mai; Telefon 089/ 2185-1940.

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