Verarmter Adeliger und fesche Sekretärin: Lucius Wolter und Milica Jovanovic aus dem herausragenden „Grand Hotel“-Ensemble. Foto: Hermann Posch

Alles wird aufgeboten

München - „Grand Hotel“ ist bereits die vierte große Musicalproduktion der Intendanz Peters und eine weitere gewagte Münchner Erstaufführung, der man von ganzem Herzen Erfolg beim Publikum wünscht.

Leute kommen, Leute gehen. Hektisches Treiben in einer Hotelhalle. Jeder hat diese Situation schon erlebt. Aber wer macht sich groß Gedanken über die Menschen, die mit Koffern bepackt an einem vorbei zum nächsten Taxi eilen? Die Antwort lautet Vicki Baum, die mit ihrem 1929 erschienenen Roman „Menschen im Hotel“ den Mikrokosmos einer Berliner Nobelabsteige beleuchtet und Freud und Leid der Bewohner nachspürt. Eine Momentaufnahme des alten, mondänen Berlin, das sich vor Wirtschaftskrisen und der drohenden dunklen Ära noch ein letztes Mal glanzvoll aufbäumt und nach allen Regeln der Kunst selbst zelebriert. Ein Stoff, wie geschaffen für Hollywood, das „Grand Hotel“ 1932 mit Greta Garbo auf die Leinwand brachte. Ebenso geschaffen aber auch für den Broadway, wo die Musical-Version von George Forrest, Robert Wright und Maury Yeston 1989 gleich fünf der begehrten Tony Awards abräumte.

Was neben den swingenden Melodien wohl Grund genug gewesen sein dürfte, um nun auch am Gärtnerplatztheater Einzug zu halten. Dort ist „Grand Hotel“ bereits die vierte große Musicalproduktion der Intendanz Peters und eine weitere gewagte Münchner Erstaufführung, der man von ganzem Herzen Erfolg beim Publikum wünscht. Weil Regisseur Pavel Fieber und sein Team hier wirklich alle Register ziehen und das schwere Kunststück meistern, einen Abend voll schwelgender Nostalgie zu inszenieren, ohne dabei je altmodisch zu wirken. Denn nicht nur die Drehbühne läuft hier wie geschmiert. Fieber inszeniert die oft simultan laufenden Handlungsstränge ebenso klar wie flüssig und lässt zu keiner Sekunde Stillstand einkehren. Auch weil Christian Floerens eindrucksvolles Bühnenbild (in Kombination mit dem ausgefeilten Lichtdesign von Rolf Essers) wie von Geisterhand immer wieder neue Räume entstehen lässt, die trotz großen Schauwerts nie die Darsteller in den Hintergrund drängen. Die nämlich sind das vielleicht größte Plus der Produktion. Der Zuschauer erlebt hier eine derart geschlossene Ensembleleistung, dass man nur den Hut ziehen kann. Und eigentlich müsste fast jeder einzeln erwähnt werden.

Da gibt es etwa April Hailer in der Rolle der alternden Ballerina, die nach einer Liebesnacht mit ihrem jungen Verehrer auf einmal wie ein pubertierendes Mädchen über die Bühne wirbelt und gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Drama und Komödie balanciert. Um ihre Aufmerksamkeit buhlt nicht nur Lucius Wolter als nobler, doch leider verarmter Baron, sondern ebenfalls ihre Dienerin Raffaela, der Marianne Larsen markante Züge verleiht. Vor allem aber ist da Gunter Sonneson. Er spielt den schüchternen jüdischen Buchhalter, der vor seinem nahenden Tod noch einmal die Freuden des wahren Lebens spüren möchte, mit so anrührendem Charme und so menschlich, dass ihm die Sympathien ganz von selbst zufliegen.

Neben den Bühnenprofis trumpft jedoch auch die junge Generation gewaltig auf. An erster Stelle Milica Jovanovic als Sekretärin mit Hollywood-Ambitionen, die gemeinsam mit den beiden Jimmies (Tom Schimon und Vladimir Kor-neev) beim Charleston die Beine fliegen lässt und dazu so hinreißend singt, dass man sofort versteht, warum ihr die Männer im Stück gleich reihenweise zu Füßen liegen.

Womit wir bei Hardy Rudolz wären. Denn er hat neben seiner Rolle als zwielichtiger Direktor Preysing die Choreographie zu verantworten, die von einem ambitionierten Ensemble, das man in Münchens Musicalschulen gefunden hat, temporeich aufs Parkett gelegt wird. Egal ob in elegant schwebender Ballroom-Atmosphäre oder als augenzwinkernde Isadora-Duncan-Parodie, die den Auftritt der großen Gruschinskaja zum Angriff auf die Lachmuskeln werden lässt. Und wenn man dann doch unbedingt noch nach dem Haar in der Suppe suchen möchte, wird man höchstens bei der Tontechnik fündig, wo sich die rechte Balance zwischen den Stimmen und dem unter Andreas Kowalewitz mächtig Gas gebenden Orchester erst einpendeln musste. Aber auch das konnte den uneingeschränkten Jubel kaum trüben.

von Tobias Hell

Nächste Aufführungen:

7. und 23. 2., 089/ 21 8519 60.

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