Kündigung des Kooperationsvertrags mit Ismaik: So hat 1860 hat entschieden

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Der alltägliche Antisemitismus

- Beim Zentralrat der Juden in Deutschland landet manchmal seltsame Post. Etwa die eines Oldenburger Unternehmers: Er sei "maßlos und teilweise unverschämt", musste sich der Zentralrats-Vorsitzende Paul Spiegel belehren lassen. Und weiter: "Wenn Sie der Meinung sind, dass es falsch war, jüdische Gemeinden auf deutschem Gebiet zu gründen, so rate ich Ihnen, alle Gemeinden aufzulösen." Es gibt auch (vermeintlich) wohlmeinende Schreiber. Zum Beispiel einen Mann aus Nürtingen, der den Rat gab: "Wenn Sie etwas weniger den bösen Juden spielen würden, wäre alles halb so schlimm." Und den 43-Jährigen, der generös sagt: "Mögen Sie die deutsche Nation mit Ihren kulturellen Schätzen bereichern, dann sind Sie gern gesehene Gäste in unserem Land."

<P>Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, benutzt die Zuschriften als originelle Quelle. Er will herausfinden, welche Art von Judenfeindschaft "die" Deutschen (wenn man das pauschal sagen kann) bewegt. Einfache Resultate gibt es nicht. Gemeinsam ist allen Briefeschreibern jedoch, so Benz, ihre "oft zur Psychose gesteigerte Paranoia", die "aus unbestimmter Angst ,den Juden Schuld" zuweist und sie "als Täter definiert - bemerkbar etwa bei der oft wütenden Israel-Kritik.<BR><BR>So richtig das ist, eine Frage bleibt: Wie repräsentativ sind die Briefe? Schreiben an den Zentralrat wirklich "normale" Bürger, oder nicht vielmehr Rechtsradikale?<BR><BR>Benz geht dem nicht nach. Stattdessen folgt ein schwächeres Kapitel über historische Wurzeln der Judenfeindschaft (darüber hat man schon Besseres gelesen), ehe Benz seine Hauptthese präsentiert. Er spricht Judenhass eine "Brückenfunktion" zwischen der Mitte der Gesellschaft und dem rechtsextremen Lager zu. Dieser alltägliche Antisemitismus "wird, schon weil die Träger Scheu haben, sich auf politisch nicht korrekte Weise zu exponieren, in der Regel nur im privaten Gespräch, in der Verständigung über Codes, als nonverbales Einverständnis artikuliert".<BR><BR>Wirre Thesen des Münchner Mietervereins</P><P>Die angeführten, zeitlich in die 1990er-Jahre zurückführenden Beispiele - seien es wirre Thesen des Münchner Mietervereins über jüdische Immobilienbesitzer, seien es die wüsten Reden eines Pater Basilius Streithofen über Juden als "Ausbeuter des deutschen Steuerzahlers" - erscheinen jedoch willkürlich herausgegriffen. Die Behauptung von Benz ist auch deshalb angreifbar, weil Antisemitismus wohl vor 1945 gesellschaftlich akzeptabel erschien, jedoch nach 1945 durch andere Stereotype - vor allem gegen Ausländer - ersetzt wurde.<BR><BR>Der Nachweis einer flächendeckenden Judenfeindschaft im Bürgertum gelingt auch nicht in den Kapiteln über die Möllemann- und die Hohmann-Affäre. Zwar kann Benz vor allem zu Hohmann Neues beisteuern: Er zeigt, dass der Ex-CDU-Mann ungeniert antisemitische Klassiker wie Henry Ford ("Der internationale Jude") in seine Gedenkrede zum 3. Oktober einbaute. "Hohmanns Ausführungen", resümiert Benz, "sind das Lehrstück für den antisemitischen Diskurs schlechthin".<BR><BR>Es gab sicher viele, die Hohmann augenzwinkernd zustimmten, wovon auch eine Solidaritätsanzeige von 1600 Unionsmitgliedern zeugt. Entscheidender jedoch war, was Benz hintanstellt: Das tonangebende politische Spektrum distanzierte sich sowohl von Möllemann als auch von Hohmann. Sie gerieten völlig zu Recht ins Abseits.<BR><BR>So überzeugt das Buch im Ganzen nicht. Benz, der bei seinen Fachkollegen im zweifelhaften Ruf eines "Vielschreibers" steht, hat auch hier wieder ein Buch zu schnell "abgeschossen". Die Veröffentlichung einzelner Kapitel hätte es auch getan.</P><P>Wolfgang Benz: "Was ist Antisemitismus?" <BR>Verlag C.H. Beck, München, 256 Seiten; 19,90 Euro.</P><P> </P>

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