Der alltägliche Wahnsinn

- In der Streikpause will man von Schmalspurprogrammen an der Bayerischen Staatsoper nichts wissen. Gleich drei Uraufführungen zieren den Spielplan zu Beginn der Ballettwoche 2006 (17.-26. April): ein vielversprechender Eröffnungsabend am Ostermontag, der neben Arbeiten von Davide Bombana und Jacopo Godani auch eine neue Choreographie des Bühnenallrounders Michael Simon zeigen wird. Choreographie?

Eigentlich sieht sich Michael Simon eher als Regisseur denn als Choreograph, auch wenn er fürs Ballett arbeitet. Ein Wanderer zwischen den Genres, aber in allen ist er zu Hause. Der gelernte Bühnenbildner, der erst kürzlich Shakespeares "Hamlet" am Dresdner Staatsschauspiel inszeniert hat, freut sich, wieder ein Tanzprojekt erarbeiten zu können. "Im Ballett bin ich freier als im Schauspiel oder in der Oper. Ich bin an keinen festen Plot gebunden, den der Zuschauer erwartet, die Menschen sind neugierig auf das, was ich ihnen zeige." Eine assoziationsreiche Regie auf eine assoziationsreiche Musik nämlich. "In the Country of Last Things" heißt die Produktion, die auf das 1994 uraufgeführte Stück "Surrogate Cities" von Heiner Goebbels getanzt wird.

Die Stadt, die Goebbels' Stück als Erfahrungsraum in den Vordergrund stellt, spielt auch für Simon eine Rolle. Literarische Einflüsse sind für seine Arbeiten von jeher wichtig - wie schon der dem gleichnamigen Roman von Paul Auster entlehnte Titel des Balletts nahe legt. Austers gedankliche Entwürfe der "Stadt" haben Simon immer schon fasziniert. Mit "Stadt aus Glas" hatte er bereits vor einigen Jahren einen Roman des amerikanischen Schriftstellers für die Bühne adaptiert. In seiner neuen Produktion geht es vor allem aber auch um ganz alltäglichen Beziehungswahnsinn. Vier Tänzer, zwei Paare, bilden das gesamte Personal des Balletts. Simon: "Ich habe das Stück nicht mit ganz jungen Tänzern erarbeitet, sondern mit solchen, die schon zehn Jahre Theater hinter sich haben. Die haben gelernt, situativ zu denken, und haben einen Theaterinstinkt, den man sonst nur bei Schauspielern erwarten würde."

Künstlerisch luxuriöse Bedingungen für Michael Simon, der als Bühnenbildner nicht nur seine eigene Arbeit ausstattet, sondern auch die der beiden anderen Choreographen. Ein homogener Abend sei allerdings nicht zu erwarten, meint er, eher eine Aufführung, die von ihren Gegensätzen lebt, von der bewussten Abgrenzung zum anderen. Im Unterschied zu Jacopo Godani beispielsweise, der von einem gebauten Bühnenraum ausgeht, reduziert Simon sein Bühnenbild auf statuarische Formen: "Die Frage ist ja: Gibt es überhaupt Bilder zur Musik? Man muss immer abwägen, was ein szenischer Vorgang ist.

Wir Theatermenschen machen ja eigentlich immer viel zu viel, und Wegnehmen ist schwierig." Reduktion als Herausforderung? "Neben der Choreographie auf der Bühne gibt es eine korrespondierende Choreographie der Bühne selbst. Die kann ich nicht im Ballettsaal erarbeiten, dafür brauche ich die große Bühne." Je weniger Probenzeit da zur Verfügung stehe, sagt Simon, der Anfang März mit der Arbeit hier begonnen hat, desto größer sei die Herausforderung. Infos zur Ballettwoche: www.staatsballett.de; Karten unter Tel. 089/ 21 85 19 20

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