Die alltäglichen Verlierer aufrichten

- "Ich hatte das Bedürfnis, meine Illusionen, meine Abschiede, meine Schwenkungen und Überholmanöver zu begründen; ich wollte meine Rolle an einem ganz bestimmten Punkt verstehen lernen: im Augenblick des Widerrufs, der Lossagung, im Moment der Veränderung. Nichts war geblieben von den alten Entwürfen; entweder waren sie durch die Umstände oder durch mich selbst widerlegt worden. Ich wollte gleichzeitig verstehen und zugeben: so begann ich zu schreiben." Die Sätze stammen aus dem Essay "Ich zum Beispiel - Kennzeichen eines Jahrgangs" (1966), der jetzt in dem schmalen Band "Selbstversetzung - Über Schreiben und Leben" erneut zugänglich ist. Jahrgang 1926 ist Siegfried Lenz. Er wird heute 80 Jahre alt.

Der Autor gehört zu der "unschuldigen" Generation, die die Schuld nur scharf streifte. Auch der Junge aus dem ostpreußischen, dem masurischen Lyck wurde zum Pimpf dressiert, um den NS-Bonzen bei Bedarf zuzujubeln, bei Bedarf abzuschlachten und sich abschlachten zu lassen. "Siggi" spielte mit - bis zum Kriegsdienst. Bis die Morde den vernebelten Blick wieder klarsichtig machten, dann desertierte er. Überlebte wie so viele mit Ach und Krach, mit Glück und Tricks. Der junge Journalist wollte es genau wissen, wollte den Ideologie-Nebel und die eigene Schwäche genau analysieren. Daraus wurde der Schriftsteller Siegfried Lenz: "Es waren Habichte in der Luft" erschien 1951. Aber erst seine "Deutschstunde" (1968) wurde unsere Deutschstunde. Und die der ganzen Welt.

Zweimillionenzweihundertfünfzigtausend Mal wurde das Werk über den NS-verfemten Maler - er erinnert an Emil Nolde - verkauft. Dann fürs Fernsehen verfilmt, genauso wie "Heimatmuseum" (1978) oder "Das serbische Mädchen" (1987).

"Ich wollte meine Rolle an einem ganz bestimmten Punkt verstehen lernen." Siegfried Lenz

Auch frühe Texte wie "Der Mann im Strom" (1957) - 1958 und 2005 verfilmt -, "Brot und Spiele" (1959) oder "Das Feuerschiff" (1960) reizten dazu, sie in eine Bildergeschichte umzusetzen. Das beleuchtet Lenz' Erzählweise. Sie ist schlicht, aber niemals dumm, sie grenzt niemanden aus, sondern spricht zu allen, egal welcher Herkunft, welchen Ausbildungsgrads. Sie liebt den Alltag und das so genannte Kleine, beweist zugleich, dass sich das Große, Wichtige, Entscheidende nur hier abspielt. "Ich wollte meine Rolle an einem ganz bestimmten Punkt verstehen lernen." Das ist Siegfried Lenz gelungen.

In seinem uvre, das der Hamburger Hoffmann und Campe Verlag herausgibt, erzählt uns der Künstler seit Jahrzehnten die Antwort: Niemand kann sich seiner Verantwortung entziehen. Keiner kann sich hinter den Großkopferten verstecken. Gerade weil Lenz den "kleinen Mann" als souveränes Geschichtsindividuum achtet, muss es sich seiner Schuld stellen. Aber da der Autor, der sich in den 60er-/ 70er-Jahren sogar für die Ost-Politik Willy Brandts engagierte, kein Moral absondernder Dogmatiker ist, gibt es bei ihm auch immer viel zu lachen. Die Erzählungen "So zärtlich war Suleyken" machten selbst uns Bayern zu hingerissenen Masuren-Fans. Und der "Kummer mit jütländischen Kaffeetafeln" lässt sowohl das Schlaraffenland als auch "Das große Fressen" zur Fasten-Veranstaltung verblassen.

Schmerzlich vermissen Siegfried Lenz' Leser seit dem unerhört liebenswerten "Fundbüro" von 2003 einen neuen Roman des in Hamburg lebenden Schriftstellers. Sein Haus-und-Hof-Verlag tröstet uns jedoch nicht nur mit den sehr schönen Reflexionen (s.o.), sondern auch mit einem über 1500 Seiten starken Band all seiner Geschichten, "Die Erzählungen". Zusätzlich wird der feinfühlige Mann, der nach 57 Jahren Ehe seit Februar Witwer ist, geehrt durch eine Matinee unter anderen mit Amos Oz, Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki (NDR, 19. März, 11 Uhr). Sehr viel Zuneigung kommt Siegfried Lenz entgegen, vielleicht, weil er das ist, was sein "Held" aus "Fundbüro" so beschreibt: ". . . ungläubig und erheitert bei dem Gedanken, daß er auf einmal berufen war, mit den alltäglichen Verlierern zu reden, sie aufzurichten, ihnen zu helfen."

Siegfried Lenz: "Selbstversetzung. Über Schreiben und Leben". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 100 Seiten; 25 Euro.

"Die Erzählungen". 1536 Seiten; 20 Euro.

Biografie:

Erich Maletzke: "Siegfried Lenz". zu Klampen Verlag, Springe, 204 Seiten; 16,80 Euro.

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