Allüre und Melancholie: Marlon Dinos phänomenales "Onegin"-Debüt

- Es ist immer gefährlich, Nachwuchstalente hymnisch zu loben. Sowas könnte ungut zu Kopfe steigen. Aber man kommt nicht drumherum: Marlon Dino, gerade eben erst zum Solisten ernannt, hat ein phänomenales "Onegin"-Debüt gegeben.

Er und die wunderbare Lucia Lacarra als Tatjana - ein neues Traumpaar. Das Staatsballett, wie von ihnen elektrisiert, angefeuert noch vom Staatsorchester unter Myron Romanul, machte die Wiederaufnahme dieses schönsten aller Cranko-Ballette zu einem vielversprechenden Saison-Auftakt (Münchner Nationaltheater).

Lob vorweg für den neuerdings risikobereiten Ballettchef Ivan Li(s)ka. Tatjanas "kleinere" Schwester Olga besetzte er erstmals mit der hochgewachsenen Roberta Fernandes. Und die so natürlich-weiblich reizvolle Fernandes zusammen mit ihrem Lenski, dem stürmischen Lukás Slavick, bringen gleich ins Gartenbild zu Beginn eine wundervolle Lebendigkeit. Eine Augenweide ihr Pas de deux. Hier ist Jugend, hier ist unverhüllt verliebte Erwartung.

Und jetzt der Kontrast, dieser Onegin, elegant ganz in Schwarz, bleiche, markante Züge, kühl im Auftritt. Man kann nicht anders als fasziniert sein, wie Marlon Dino, der hier ja (abgesehen von einem Gastspiel-Albrecht) seine erste Hauptrolle überhaupt tanzt, die Figur so vollständig in sich aufgesogen hat.

Diese abwesend-reservierte Allüre, die gelangweilt vornehme Geste, die Melancholie im lyrischen Solo, sein provozierender Flirt mit Olga, seine zu spät erkannte Liebe zu Tatjana, es stimmt alles. Und bis zu diesem letzten leidenschaftlichen - schmerzlich schön getanzten - Pas de deux mit Lacarra hält er die Spannung. Aber als dann der Jubelapplaus losbricht, kann er die feuchten Augen nicht verbergen. Das macht ihn auch noch sympathisch.

Lucia Lacarra, wie immer ganz große dramatische Darstellerin, hat sicher mit ihrer Intensität, mit ihrer Erfahrung zu seinem gelungenen Debüt beigetragen. Auch technisch: Die verflixten Hebungen fließen und schweben, werden zu beredter Sprache. Ein Höhepunkt auch der eheliche Pas de deux Tatjanas mit dem nobel gereiften Gremin von Vincent Loermans. Für John Cranko (1927-1973) wäre dieser Abend ein wunderschönes 80. Geburtstagsgeschenk gewesen.

Am 28. 9., 20. und 22. 10.,

dann weitere fünf Mal.

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