Allzu zahme Rebellen

München - Die Musical-Version von Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ klingt im Deutschen Theater oft allzu glatt.

Manchmal machen es einem unsere amerikanischen Freunde leicht, über ihre Ansichten den Kopf zu schütteln. Als dort nämlich im Jahr 2006 die mit zahlreichen Theaterpreisen gekrönte Musicalfassung von Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ am Broadway anlief, prangte doch tatsächlich ein Schild im Foyer, auf dem zu lesen war, das Stück wäre für Kinder unter 16 Jahren nicht geeignet. Offenbar scheinen in den USA Themen wie schwangere Teenager, Masturbation und ein Kuss zwischen zwei Kerlen für viele immer noch gleichbedeutend mit dem Untergang des Abendlandes.

Am Deutschen Theater, wo nun in Koproduktion mit der Bayerischen Theaterakademie die Münchner Erstaufführung von Duncan Sheiks „Spring Awakening“ präsentiert wurde, konnte man sich derartige Warnhinweise hingegen getrost sparen. Sind wir doch längst weit Drastischeres gewohnt als das nackte Hinterteil, das Matthias Davids hier auf der Bühne zeigen lässt. Aber gerade weil sich Wedekinds Vorlage heute in manchen Punkten auch ein wenig überlebt hat, tut der Regisseur gut daran, die Geschichte nicht krampfhaft zu aktualisieren, sondern in einer leicht stilisierten Vergangenheit zu belassen. Wobei er sich deutlich am Broadway-Original orientiert, ohne dadurch ganz dessen Dichte zu erreichen.

Das eigentliche Problem liegt aber woanders: Obwohl das Stück über die Wirrungen der ersten (körperlichen) Liebe beinahe ideal für den Abschlussjahrgang einer Hochschule erscheint, in der Praxis sind die einzelnen Partien dann doch etwas schwerer zu besetzen. Weil die Musik von Duncan Sheik eben auch die eine oder andere Rockröhre verlangt, die sich in diesem klassisch geschulten Ensemble leider überhaupt nicht findet. So kommt etwa der ohne Fehl und Tadel gesungene Melchior von Kurosch Abbasi als wütender Rebell oft eine Spur zu glatt rüber. Maurice Klemm gelingt als sympathischem Loser Moritz vor allem in den Dialogen, Eindruck zu machen und seine im Suizid gipfelnde Vereinsamung glaubhaft darzustellen. In jeder Note souverän schlägt sich Tina Haas, die als Wendla das Glück der zart aufkeimenden Liebe mitfühlen lässt und sich später - selbst von der eigenen Mutter im Stich gelassen - zur desillusionierten jungen Frau wandelt. Neben diesem starken Auftritt gewinnen die übrigen Figuren nur wenig Kontur. Sieht man einmal ab von Anja Haeseli, die mit „Purpursommer“ einen der Hits der Show singen darf, und Denis Rudisch, der seinen Kameraden mit hoher Bühnenpräsenz gern mal die Show stielt.

Dass einen das Geschehen dennoch oft erschreckend kaltlässt, mag vor allem daran liegen, dass die Akademie heuer eher selbstbewusste Einzelkämpfer herangezogen hat, die nur selten ein homogenes Kollektiv bilden. Was sich besonders in den Ensembles bemerkbar macht, wo die Harmonien zumindest im Premierenfieber nicht immer auf dem Punkt waren. Fairerweise muss man zugestehen, dass die holprig geratene Übersetzung oft zusätzliche Knüppel zwischen die Beine wirft. Hürden, die es gerade in diesem Fall nicht gebraucht hätte - sind die Nummern doch eher Einblicke in das Seelenleben der Teenager als Elemente, die das Geschehen vorantreiben. Was wäre so schlimm an englischen Songs gewesen, wie sie etwa beim seichteren Antipoden „Grease“ gern gesungen werden? Schließlich wendet sich „Frühlings Erwachen“ in erster Linie an die jüngere Generation, der man das trotz Bildungsmisere wohl problemlos zumuten könnte.

Weitere Vorstellungen bis 17. Juli; Telefon: 089/ 55 23 44 44.

Von Tobias Hell

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