Alphörner bei Johann Strauß

- Segnungen und Flüche der Gentechnik, im alten wie im neuen Jahr! Neben der Entschlüsselung genetischer Baupläne und dem Klonen hat eine Vorstellung die Allmachtsfantasien seit jeher besonders beflügelt: die Erbsubstanz von Lebewesen zu vermischen, um ihre Eigenschaften zu vermählen und zu potenzieren. Noch ist es freilich Fiktion, lässt sich vorerst erst bei James Bond der Schurke durch DNS-Austausch zu neuer Abgefeimtheit auffrischen; auch von der "Tomoffel" wird noch geträumt. "Chimäre" heißt so etwas im einschlägigen Jargon, aber was die Wissenschaft noch nicht kann, das kann die Kunst schon lange _ versuchen wenigstens.

<P></P><P>An Silvester hat sich traditionsgemäß die Bayerische Staatsoper wieder am Erbgut-Mix versucht, an prominentem tierischen Versuchsobjekt: der "Fledermaus", frei nach der Inszenierung von Leander Haußmann.</P><P>Unbeschränkt von den Grenzen der Biologie ging man an Johann Strauß' geniale Partitur, flickte hier etwas "Walküre", dort eine Prise "Turandot" ein, transfundierte dem Probanden Offenbachs Cancan und pflanzte, anstelle eines Herzens wohl, ins Zentrum des gediegen-bürgerlichen Abends einen veritablen Fremdkörper: eine Show-Einlage der Biermösl Blosn.<BR>Und siehe: Das Mix-Monster zeigte, immerhin, Eigenschaften, die den Biotechnikern für ihre Kreationen vorerst noch vorenthalten bleibt: Im ganzen vielleicht nicht sehr ebenmäßig, aber es lebte - keine Selbstverständlichkeit, trotz der unverbrauchten Vitalität des Strauß'schen Original-Materials.</P><P>Von den dazu an diesem Abend zusammenwirkenden günstigen Umständen erwies sich einer als besonders lebenseinhauchend: musikalische Einzelleistungen fast ausnahmslos auf hohem Interpretationsniveau. Diana Damrau sang die Adele mit solcher Virtuosität und Intonationssicherheit, dass die Kammerjungfer zur Primadonna des Abends wurde. Silvana Dussmann platzierte ihre Rosalinde klangschön zwischen großbürgerliche Melancholie und wienerischen Schmäh. Und Beate Vollack überzeugte als Ida durch komödiantisches Gespür und artistische Körperlichkeit. Ähnlich Schönes bei den Herren, allen voran Martin Gantners bei aller Kraft subtil gesungener Dr. Falke und der Dr. Blind von Ulrich Reß, der klar und mit lyrischer Finesse die Mooshammer-Parodie gab _ möge es das zugehörige Alter Ego in der ersten Reihe mit Wohlwollen betrachtet haben. Bewährtes auch von Alfred Kuhn als sonorer Gefängnisdirektor und dem kurzfristig für den erkrankten Bo Skovhus eingesprungenen Siegfried Jerusalem in der Rolle des am Ende böse ausgeschmierten Eisenstein. Darstellerisch mehr als stimmlich überzeugte an diesem Abend Christopher Robsons Fürst Orlofsky.</P><P>Mit Gespür für die zarten Verzögerungen ließ Jun Märkl die Künstler des Bayerischen Staatsorchesters Strauß' Musik zu vibrierendem Leben erwecken, um den Preis kleiner rhythmischer Unsicherheiten etwa im Taumel der "Donner und Blitz"-Einlage.</P><P>Textliche Boshaftigkeiten vom Silvester-Publikum begeistert geschluckt</P><P>Musikalisch fast noch eindruckvoller, was die Biermösl Blosn etwa auf drei Alphörnern vollbrachten; so wohlschmeckend beschichtet wurde auch manche textliche Boshaftigkeit vom Publikum mit Begeisterung geschluckt. Gute Vorlage für Jörg Hube, der als Frosch das Gewebe der garstigen politischen Anspielungen gekonnt weitersponn.</P><P>All das benötigte allerdings so viel Zeit, dass gegen Ende der auf fast klein-wagner'sches Format aufgeplusterte Abend zunehmend schwerfällig wurde. In der Summe aber überwog das Vergnügliche - und, wenn man wollte, Staunen über ein so simples wie eindrucksvolles Detail: die bloße Schönheit der von den Galerien durch den weiten Raum herabschwebenden Luftschlangen.</P>

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