Also doch eine super Frau

- Schon während ihrer Studienzeit wurde Juliane Banse von Harry Kupfer an die Komische Oper Berlin geholt, um dort die Pamina zu singen. Eine Rolle, die sie auch in der Münchner "Zauberflöte" verkörpert. Als Mozart-, aber auch als Schubert- oder Mahler-Interpretin hat sie Maßstäbe gesetzt. Nun hat sich die lyrische Sopranistin, die an der Münchner Musikhochschule unterrichtet, zu neuen Zielen aufgemacht: zur "Figaro"-Gräfin (Salzburger Festspiele) und zur "Meistersinger"-Eva (Frankfurt).

Ist denn Mozart wirklich das Nonplusultra für jeden Sänger? Der Komponist, an dem sich Können von Nichtkönnen scheidet?

Juliane Banse: Er ist die Messlatte für jede stimmtechnische und interpretatorische Ambition. Jeder Ton liegt hier auf der Goldwaage. Ich bin vor einer Mozart-Vorstellung ungleich nervöser als bei jedem anderen Komponisten. Nach 15 Jahren Pamina gibt es keine "Zauberflöte", vor der ich nicht besonderen Respekt hätte.

Woran liegt's? An der speziellen Technik, die erforderlich ist?

Banse: Ich weiß es nicht. Ist es die vokale Linie? Sind es die Intervalle? Wahrscheinlich ist er auch so schwierig, weil er interpretatorisch endlose Möglichkeiten eröffnet. Andererseits: Mozart ist das Beste, was man seiner Stimme antun kann.

Empfindet man das auch am Beginn der Karriere so? Oder macht es einem die Unbefangenheit auch leichter?

Banse: Sicher, die Skrupel kamen später. Dass ich so früh mit Mozart begonnen habe, war, rückblickend gesehen, für meine anderen Rollen eine Wohltat. Eine Zeitlang gab es mit Pamina, Ilia und Susanna nur diese drei Rollen für mich. Ich war voll in der Schublade drin.

Und jetzt die "Figaro"-Gräfin: Steuert man auf so etwas gezielt zu?

Banse: Nein. Ich versuche, meine Stimme fördernd zu beobachten. Die Stimme ist so geworden, ich habe sie nicht verbogen.

Wie hat der Barock-Boom den Mozart-Gesang beeinflusst? Es scheint, dass immer schlankere, leider auch körperlosere Stimmen Mozart singen.

Banse: Das ist wahr. Früher wurde Mozart eher als Vorläufer der Romantik gesehen, heute ist er "Nachläufer" des Barock. Dieses andere Klangideal hat ja auch was Positives. Nur: Das Pendel schlägt zu sehr in die andere Richtung aus. Facetten, Farben, das geht ein wenig verloren. Aber vielleicht redet man sich leicht, wenn man keine explizite Barockstimme hat.

Was ist genau eine "Mozart-Stimme"?

Banse: Wenn ich das wüsste. Es dreht sich dabei eben um Farbe, um Flexibilität, um einen persönlich getönten Klang, um das Herausarbeiten von Vielschichtigkeit.

Und wie kommt Mozart zu dieser Vielschichtigkeit? Hat er das alles erlebt?

Banse: Ich habe neulich ein Buch über Constanze Mozart gelesen. Und ich fand es sehr plausibel dargestellt, dass er manchmal völlig unreflektiert war. Es musste alles raus. Seine Kunst, auch sein Geld, wenn er wieder über seine Verhältnisse lebte. Er war bestimmt kein Heiliger, kein Intellektueller. Er hat sich in alles bedingungslos hineingeschmissen. Doch wir würden ihn kleiner machen, wenn wir sagen: Alles, was er geschaffen hat, hat er irgendwie selbst erlebt. Diese Hellsicht macht ja erst Genie aus.

Bringt er auch den Sänger dazu, ungeplant Dinge zu zeigen?

Banse: O ja. Auf einmal kommen da Facetten ans Licht, die man gar nicht offenbaren wollte. Ich bin bei Mozart geprägt von den sehr expressiven Inszenierungen Harry Kupfers. Was ich dort gelernt habe, das versuche ich, auch in andere Produktionen einzubringen. Früher hat man Mozart auf der Bühne wohl viel "formaler" verstanden.

Und wie verstehen Sie die "Figaro"-Gräfin? Können Sie alles an dieser Frau nachvollziehen?

Banse: Manchmal kann es einem schon auf die Nerven gehen, wenn sie so larmoyant ist. Sicher: In der ersten Arie äußert sich Depression. Doch dann macht sie mit der Kammerzofe Susanna gemeinsame Sache. Und am Schluss ist sie die Stärkste von allen. Also doch eine super Frau.

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