+
Alt-J auf einem Archivfoto.

Konzertkritik

Alt-J in der Olympiahalle: Raffinierte Schnipselei

Das Trio Alt-J vollführt ein der immerhin zu zwei Dritteln gefüllten Münchner Olympiahalle ein Kunststück: die Konzertkritik.

Ein Lied entstehe durch das Aneinanderreihen von kleinen Stücken hat John Lennon einmal erklärt. Vor 50 Jahren erschien das als eher kryptische Aussage, aber nach dem Konzert der britischen Band alt-J versteht man plötzlich: Lennon war seiner Zeit voraus. Das Trio vollführt in der immerhin zu zwei Dritteln gefüllten Münchner Olympiahalle das Kunststück, viele eingängige Sequenzen aneinanderzureihen und damit die Illusion von Songs zu erzeugen. Die Gitarrenriffs, Harmonien und Melodiefetzen sind bestechend schlicht – im besten Sinne des Wortes. Das erklärt auch, weshalb man die Mannen aus Leeds trotz mitunter verwegener elektronischer Klänge und extravaganter Fragmentierungen der Lieder der alternativen Folkmusikszene zurechnet – selbst wenn das den sehr zugetanen Fans im Saal mutmaßlich eher egal sein dürfte.

Die springen auf die suggestiven Sequenzen von alt-J an und geraten durch die seriellen Schleifen der Motive in eine Art Trance, befeuert vom exzellenten Schlagzeuger Thom Green, der mit seinen rhythmischen Bögen die Songs zusammenhält. Gemeinsam mit dem eigenwilligen Gesang von Joe Newman hat alt-J einen unverwechselbaren Sound erschaffen, und das ist im gnadenlosen Musikgeschäft die halbe Miete. Man erkennt die Band schon an Schnipseln, das ist ihr Erfolgsgeheimnis. Und ob man das Lied zum Schnipsel eindeutig zuordnen kann, ist nachrangig. Das entspricht den Hörgewohnheiten der Jungen, und, obwohl das Traditionalisten irritiert, alt-J bewahren auf diese Weise das Erbe eingängiger Weisen. Mit der Lichtshow aus Stäben, die man aufsehenerregend nennen darf, sorgen die Briten auch noch, trotz zurückhaltender Präsenz, für eine perfekte Show. 

Zoran Gojic

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker setzen ihren Bruckner-Zyklus mit der Achten fort. Eine Enttäuschung.
Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Christine Nöstlinger ist gestorben
Die österreichische Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Dies bestätigte am Freitag der Residenz-Verlag in Wien. 
Christine Nöstlinger ist gestorben
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Das ist auch eine kulturpolitische Entscheidung mit Blick auf den Konzertsaal: Mariss Jansons bleibt seinem Orchester ungewöhnlich lang erhalten.
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Earth, Wind & Fire auf dem Tollwood: Im Boogie-Wunderland
Earth, Wind & Fire haben bei ihrem Konzert in der Toolwood-Arena eine mitreißende Show geliefert. Disco kann so einfach sein, findet unser Redakteur - eine Nachtkritik.
Earth, Wind & Fire auf dem Tollwood: Im Boogie-Wunderland

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.