Der alte Gockel

Peter Stein inszenierte fürs Berliner Ensemble Kleists "Der zerbrochne Krug" mit Klaus Maria Brandauer.

Das ist einmal ein schwungvoller Beginn. Musik. Der Eiserne Vorhang fährt hoch. Aufs Bühnenbild - die Amtsstube von Dorfrichter Adam - ist ein alter Stich projiziert. Und zwölf Hühner - genauso viele wie Personen im Stück - spazieren durch die Szene. Zwei Mägde kommen, treiben und tragen sie fröhlich hinaus. Nun ist Platz für den Gockel. Von links schaut er schon mal aus der Kulisse.

Auf der zerschundenen Glatze ragen wie ein Hahnenkamm ein paar restliche Härchen nach oben. Aber immer wieder zieht's den alten Sünder torkelnd zurück. Dann, als habe er einen Schubs bekommen, wankt er über die Bühne, von Kopf bis Fuß derangiert. Die Magd, die ihm vertraulich helfen will, stößt er brutal zu Boden. Seine Wunden salbt er selber. Schließlich ist gleich Gerichtstag, Schreiber Licht ist bereits als schwarze Gestalt über die Bühne huschend an seinem Arbeitsplatz eingetroffen.

Am Berliner Ensemble hatte Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug" Premiere - mit Peter Stein als Regisseur und Klaus Maria Brandauer als Dorfrichter Adam, dem "Wallenstein"-Erfolgsduo des vergangenen Jahres. Da schaut man natürlich gespannt nach Berlin, wie es wohl ausgehen würde, wenn zwei so legendäre Hochgemute des Theaters sich gemeinsam um der Deutschen genialste Komödie bemühen.

Stein, ganz auf historische Genauigkeit bedacht, ließ sich von Ferdinand Wörgerbauer die Szenerie annähernd so bauen, wie Kleist sie auf dem Stich "Der zerbrochne Krug" aus dem Jahr 1782 von Jean Jacques Le Veau, der ihn einst zu seinem Stück angeregt hatte, vorfand. Natürlich auch entsprechend "original" die Kostüme (Anna Maria Heinreich). Alles so, als befände man sich mittendrin im Genregemälde eines niederländischen Meisters: düster die Farben, realistisch die Protagonisten. Da ist vor allem, natürlich, Brandauer.

Sein Adam: der Hahn im Hühnerhaufen. Einer, der sich seiner selbst sehr sicher ist. Der sich alles herausnimmt. Grob, zärtlich und unverschämt zugleich. Der in der Gerichtsverhandlung viel zu oft, viel zu plump, viel zu gewaltsam nach Eve (die Überraschung des Abends und die Beste überhaupt: Marina Senckel) grapscht, sie erpresst, indem er ihr immer wieder mit dem versprochenen Attest winkt, das ihr angeblich den Bräutigam Ruprecht (Roman Kanonik) vor dem Militärdienst im fernen Asien retten soll. Den Preis dafür wollte der Richter sich bekanntlich in der Nacht zuvor in ihrer Kammer abholen, wobei besagter Krug zerschlagen wurde, um dessentwillen Mutter Marthe (Tina Engel) hier als Klägerin erscheint.

So sicher vor Entdeckung wähnt sich Adam in seinem Gespinst aus Lügengeschichten, Amtsgewalt, Gier und Genuss, dass er dreist seinen Klumpfuß ausstellt, als Frau Brigitte (Ilse Ritter) vor Gericht die Spur bezeugt, die angeblich der Teufel auf der Flucht aus Eves Kammer hinterlassen hat. Brandauers Adam ist ein sich aufplusternder, selbstgefälliger, verschlampter Kerl, der munter seine Geschichten aus vollem Hals herauskräht.

Und mitunter ist hier kaum zu unterscheiden zwischen dem Schauspieler, der auch schon mal bei Kleists strengem Text schludert wie der Dorfrichter bei den Gesetzen, und der Rolle. Einer, der selbst dann noch gockelt, wenn's ihm schon an den Kragen geht. Was dieser Schauspieler selbstverständlich vortrefflich beherrscht. Wenn er hier aber wirklich der ganz große Komödiant wäre, den diese Rolle verlangt, dann würde in seinem Spiel gleichsam auch die Tragik der Figur aufscheinen, ihre Not, ja, auch die Liebesnot des alten Adam. Doch von derlei Widersprüchen hält der Star seine Figur frei.

Darum verliert, je länger der Abend dauert, die Inszenierung ihren Schwung, fällt immer mehr aus der Komödie heraus. Und Peter Steins Regie leistet dazu ein Übriges: Am Schluss, nachdem Adam als Übeltäter überführt und vor der Wahrheit aus dem Fenster gesprungen ist, fahren die Bühnenwände hoch.

Wir sehen: Übers weite Schneefeld flieht tänzelnd der Richter, gejagt von der Gerichtsgesellschaft samt Licht (Michael Rotschopf) und Gerichtsrat Walter (Martin Seifert) - mit Gesang und den Hölderlin-Versen: "Die Linien des Lebens sind verschieden/ Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen./ Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen/ Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden." Dann ziehen sie den Dorfrichter wie zu einer Apotheose gen Himmel, auf dass er selig lächelnd über allen schwebt.

Ehrlich gesagt, der Kleist hat den Hölderlin nicht nötig. Denn Marthes Frage nach dem nächsthöheren Gericht, vor dem sie nun ihr Recht wegen des zerbrochnen Krugs einklagen wolle, ist und bleibt der bessere Schluss. Doch offenbar mochten die alten Gockel Stein und Brandauer nicht der Glucke Tina Engel das letzte Wort lassen.

Weitere Vorstellungen:

16., 28., 30.9., 8., 9., 22., 23. 10.; Tel. 030/ 284 08 155

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