Die alte Unübersichtlichkeit

- Geschwindigkeit pur, Gefahr und Abenteuer, Schönheit und Kraft - die ersten, rasanten Minuten von RP Kahls "Mädchen am Sonntag" enthalten alles, was das Kino ausmacht. Diese Bilder aus Wildheit und Verführungskraft stehen am Anfang eines dokumentarischen Filmessays über vier Schauspielerinnen: Laura Tonke, Nicolette Krebitz, Katharina Schüttler und Inga Birkenfeld.

Der Film aus der diesmal starken deutschen Reihe des Münchner Filmfests ist schon in seinem Titel eine Reverenz vor dem Kino der starken Stars. Was könnte heute eine Romy Schneider für Filme drehen? Und warum kann unser aktuelles Kino mit Charisma und Aura seiner Protagonisten so wenig anfangen?

Diese Fragen stehen zwischen Kahls Interview-Bildern - einer genauen, manchmal sehr direkten und immer fantasievollen Annäherung an vier unverwechselbare Darstellerinnen.Kahl, der selbst als Schauspieler begann, erweist sich in seinem zweiten Langfilm als der letzte wahre Erbe der "Münchner Schule" eines Rudolf Thomé, Eckardt Schmidt und Klaus Lemke: unverfälschtes, ungelacktes Pop-Kino zum Träumen und Sichverlieren. Wie in wenigen anderen Fällen bot dieser Film die Legitimation für eine Veranstaltung wie das Filmfest. Denn Filme aus Cannes und Venedig sehen kann man auch in den französischen, italienischen und sonstigen Filmwochen, von denen die eine in den Programmkinos die nächste ablöst.

Was am Samstag mit dem hübschen, wenn auch etwas faden Abschlussfilm "Ladies in Lavender" von Charles Dance zu Ende ging, ist immer noch das zweitgrößte Festival der Republik und legitimiert sich als Branchentreff sowie Publikumstest der Verleiher. Beides geht die "normalen" Zuschauer nichts an. Diese erhalten beim Filmfest vor allem die Gelegenheit, sich einmal eine Woche lang ganz intensiv auf Kinokunst einzulassen, einzutauchen in unbekannte Filmsprachen, Stile und Themen.

Der Japan-Schwerpunkt bot hierzu diesmal am meisten Gelegenheit, auch bei den Independents und der internationalen Reihe waren viele Entdeckungen zu machen. Die Qualität der Filme war zumeist gut. Hierin, in einer schärferen, künstlerisch anspruchsvolleren Auswahl, in der Vermeidung jener cinematographischen Geschmacklosigkeiten, die in der späten Hauff-Ära zur Regel wurden, liegt die deutlichste Veränderung, die das Filmfest im zweiten Jahr unter Andreas Ströhl erlebt.

Was Ströhl hingegen noch nicht geschafft hat: die von ihm einst in seiner Bewerbung selbst geforderte Verschlankung des Filmfests. Diese ist nötiger, denn je: 200 Filme sind einfach zu viel. Ströhl führt bedenkenswerte Gründe und die Gefahr des Bedeutungsverlusts an, um diese Überfülle zu verteidigen. Andererseits sind die - von Branche und Filmkritik stärker beachteten - Festivals von Hof und Mannheim deutlich kleiner. Zumindest sollte das Filmfest seine - je nach Zählweise - 15 Nebenreihen radikal verkleinern. Derzeit irren selbst branchenerfahrene Besucher orientierungslos auf der Festivalmeile, fragen sich, was sie jetzt wirklich sehen müssen.

Das unübersichtliche Programm gibt nur nach mehrstündigem Studium eine Antwort. Unbedingt nötig ist eine Hauptreihe von den 20 bis maximal 30 wirklich wichtigen Filmen des Festivals - ob mit oder ohne Wettbewerb. Ohne dies bleibt das Filmfest ein Dschungel, in dem man sich verlieren kann - aber leider nicht so, wie bei RP Kahl.

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