Das Alter als Thema

- Herausfordernd, kritisch und stolz zugleich fixiert Rembrandt sein Gegenüber. Das feine Barett schräg über die wallenden Locken gezogen, stützt er sich schräg nach vorne. 1639 stellt er sich damit als gefragter Porträtist selbstbewusst in die Tradition von Raffael und Tizian.

<P>13 Jahre später schaut er, im schlichten Kittel, aus der Düsternis: Nichts ist geblieben vom Prunk, nur der zugleich stimmungsvolle und sezierende Stil.<BR>Weitere sechs Jahre später zeigen wenige Striche einen Mann an der Radierplatte, der an Schlichtheit nicht mehr zu übertreffen ist. Rembrandt hat seinen Lebensweg, der ihn zwischen 1606 und 1669 vom schnellen und höchsten Ruhm zu Armut und Einsamkeit führte, selbst festgehalten. Wie er in seinen 63 Lebensjahren einerseits ein immenses Werk und eine florierende Werkstatt organisierte, andererseits sich selbst und seinen Prinzipien treu blieb, das thematisiert jetzt die Albertina in Wien.</P><P>Beeindruckende Charaktere</P><P>Die Albertina hat - obwohl die Forschung die "echten Rembrandts" in den letzten Jahren massiv dezimiert hat - immer noch einen der größten Bestände des Niederländers. Umso erstaunlicher ist, dass dort bisher noch nie eine umfassende Retrospektive gezeigt wurde. Dafür aber jetzt - und zwar mit einem überzeugenden Konzept: Die Gliederung entspricht genau der Systematik Rembrandts, mit der er die Blätter in seinen Alben aufbewahrte. Nackte Figuren, Landschaften, Figurenstudien, Tierdarstellungen, Ansichten, Zeichnungen nach antiken Figuren konnten bei Bedarf schnell als Vorlagen dienen.</P><P>Der Aufbau des Repertoires begann schon in Leiden (bis 1631): Die betende alte Frau mit eingefallenen Wangen unter dem roten Tuch (1629/30), der faltige alte Mann mit dem so präzise gewickeltem Turban (1627) sind beeindruckende Charaktere. Das Alter war wichtiges Thema der psychologisierenden Darstellungen, zu denen auch der verzweifelte Apostel Petrus im dunklen Gefängnis (1631) gehört.</P><P>Rembrandt studierte Emotionen und Effekte aber auch ausführlichst in kleinen Selbstbildnissen. Ab 1631 war er in Amsterdam: Mit wenigen, präzisen Strichen bannte er Bettler und Straßenszenen aufs Papier, begeisterte sich für Schauspieler und Tiere (die berühmten Elefanten) und stellte mit diesen Studien "nach dem Leben" seinen Fundus zusammen. Selbst Adam und Eva werden beim Sündenfall (1638) zu bauchigen und wenig hübschen Menschen und riefen so manchen Kritiker auf den Plan.</P><P>Die heroischen Frauen sind dagegen üppig, prachtvoll, im grandiosen Lichtspiel gestaltet, jedoch werden sie immer ein Rätsel bleiben. Die lichte Schönheit Flora (1635) hat in einem früheren Zustand nicht den Blumenstrauß, sondern als Judith das blutige Haupt des Holofernes auf dem Arm getragen. Gesichter, Typen, tauchen also in verschiedensten Zusammenhängen auf. Bei den Damen ließ sich Rembrandt Freiheiten. Bei den gefragten Bildnissen dagegen wandelte er zwischen Akribie, malerischer Feinheit und einem immer lockerer werdendem Pinselstrich. Mit einem spannungsreichen Spektrum von Techniken, Formaten und Motiven, perfekt durchgestaltet oder schnell und großzügig festgehalten, stach er aus der Masse der Maler und ihrer handelsüblichen Konzentration heraus.</P><P>Bei den beliebten Bibelerzählungen kann man anhand von Zustandsdrucken Arbeitsvorgänge sehen. Beispiel sind die immer düsterer werden "Drei Kreuze" (1653). Oder "Ecce Homo" (1655): Hier ließ Rembrandt die anfängliche Zuschauergruppe bei der achten Version weg. Stattdessen präsentiert sich Jesus in seiner Verletzlichkeit nun direkt dem Betrachter und steigerte so die Betroffenheit.</P><P>Rembrandts Erzählkunst wurde immer eindringlicher. Dass er sich zwar im Spätwerk äußerlich beruhigte, aber verinnerlicht und mit einem vibrierenden Pinselstrich intensiver denn je den Seelenzustand erfassen wollte, passte bald nicht mehr zur Mode. Seine Ehrlichkeit und Beharrlichkeit kostete ihn zur Zeit des aufkommenden Klassizismus schließlich seinen guten Ruf.</P>Bis 27. Juni, Katalog 29 Euro, Tel. 0043/ 1/ 53 48 30.

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