Alterssex und Sozialismus

- Er hat die "Orestie" des Aischylos und die "Antigone" des Sophokles übertragen, er hat das Matthäus-Evangelium und die "Offenbarung des Johannes" in zeitgemäßes Wort gesetzt. Er hat sich als Literaturkritiker von hohen Graden zu erkennen gegeben, hat Romane, Essays, Hörspiele geschrieben. Und als gelehrter "poeta laureatus" wurde er zur viel angefragten Instanz.

<P>Einer, dem zuzuhören meist Genuss und Gewinn bedeutet. Einer freilich auch, dessen inhaltsschwere Mutmaßungen zum Weltgeschehen im Großen wie im Kleinen nicht immer Zuspruch, oft auch Protest provoziert haben, stets aber auf Interesse stoßen.<BR><BR>Die Rede ist von Walter Jens, dem am 8. März 1923 in Hamburg Geborenen, der in Tübingen, der Stadt von Hölderlin, Hegel, Ernst Bloch und Hans Mayer, zu Hause ist. Ein deutscher Schriftsteller und Gelehrter, bei dem man nie so genau weiß, ob er erzählt oder erfindet - oder aufs Glücklichste beides miteinander zu verbinden versteht. Theologie, Literatur, Kulturgeschichte, Politik - das ging bei Walter Jens heftig und munter durcheinander. Das für Jens wohl wichtigste Charakteristikum: Er ist ein Rhetor, ein Wortgewaltiger, dem man lieb und gerne über lange Distanz zuhört, eine seltene Begabung in deutschen Landen.<BR><BR>Der Tübinger Professor emeritus für Rhetorik schrieb seinerzeit den schönen Satz über Lessing: "Was immer er war. . . zuerst war er Redner." Es liegt nahe, einen Schriftsteller wie Walter Jens in die Nähe der klassischen Aufklärer zu rücken. Aber Jens hat sich immer auch als Bekenner verstanden und so zu erkennen gegeben. Die Nazi-Jahre hat der Sohn eines Hamburger Bankiers nachträglich als Jahre des ausgebliebenen und fehlgeleiteten Bekenntnisses angesehen. Das wollte er irgendwie revidieren. </P><P>Aus dem Defizit des Widerstehens zur rechten Zeit musste auf diese Weise ein Übermaß an Verspätung entstehen, jener merkwürdig diffuse Zustand, in dem deutsche Intellektuelle mitunter geradezu in konspirativer Eintracht zu verharren scheinen, jener asketischen Ablehnung dessen, was gedankenleicht auf die Uniformlinie Kapitalismus gleich Faschismus gebracht wird.<BR><BR>Jens hat sich da des öfteren zu Wort gemeldet, plaudernd und diskutierend über Alterssex ebenso beredt wie über Gott und den Sozialismus, den er noch keineswegs für abgeschrieben hält. So liebt ihn sein Publikum: als streitbaren, kämpferischen Geist. Ein professoraler Schriftsteller, bis oben gefüllt mit saftigen Anekdoten und Bonmots.<BR>Morgen wird Walter Jens, Fußballfanatiker und Ex-PEN-Präsident, 80 Jahre alt.</P>

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