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Bis zu 2000 Plätze könnte der flexibel nutzbare Saal umfassen, maximal 100 Millionen Euro soll der Umbau des Heizkraftwerks kosten.

Mit Volldampf für die Kunst

Altes Kraftwerk soll neues Konzerthaus werden

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München - Private Investoren wollen das Aubinger Heizkraftwerk umbauen. Wenn es nach ihnen geht, soll daraus mehr werden als ein Exil für die Münchner Philharmoniker, die ab 2020 eine Zwischenmiete brauchen.

Geschenkt ist der Gaul zwar nicht, trotzdem sind die Stadt München und ihre Philharmoniker vorsichtig. Ein Ausweichquartier im ehemaligen Aubinger Heizkraftwerk, das wäre nicht nur spektakulär, sondern käme während des Gasteig-Umbaus wie gerufen. Doch sei dies nur eine von mehreren möglichen Lösungen, wie betont wird. „Ich muss dem Stadtrat schließlich zwei bis drei Vorschläge machen“, sagte gestern Kulturreferent Hans-Georg Küppers gegenüber unserer Zeitung. Zwar sei sonst „noch nichts auf dem Plan“, zunächst müsse aber mit den Betreibern verhandelt werden. Auch die Philharmoniker reagierten zurückhaltend. Vorerst, so deren Pressesprecher Christian Beuke, sei abzuwarten, wann und wohin der vom Freistaat geplante Konzertsaal komme – auch der sei ja ein mögliches philharmonisches Exil.

"Philharmonisches Kraftwerk Aubing"?

Das Tempo, mit dem hier plötzlich ein neues Kulturareal ins Zentrum der Diskussion rückt, hat viele überrascht. Wie berichtet, will der Bariton Thomas E. Bauer mit finanzieller Unterstützung der Firma Allguth das Aubinger Heizkraftwerk für kulturelle Zwecke nutzen. Vor einem halben Jahr begann man zu überlegen, nun liegen schon Pläne und Animationen vor. „Wir haben uns auf den ersten Blick in das alte Kraftwerk verliebt“, sagte Michael Amberger bei der Präsentation.

Blick durchs "Schlüsselloch": Derzeit liegt die 50 Meter lange und 25 Meter breite Halle brach. 

Mit seinem Bruder Christian bildet er die Allguth-Doppelspitze. Drei Architekten wurden mit Vorschlägen beauftragt, der von Peter Haimerl machte das Rennen. Haimerl ist auch derjenige, der das Konzerthaus im kleinen niederbayerischen Blaibach plante – jenes Projekt, mit dem er und Thomas E. Bauer bundesweite Berühmtheit erlangten. An einen Konzertsaal in Aubing hatten die Brüder Amberger gar nicht gedacht. Erst Haimerl brachte sie auf die Idee: eine bewusste „Themaverfehlung“, wie er es selbst ausdrückt, die Augen für eine solche Möglichkeit öffnete.

Sehr schnell kann das alles gehen. Da dort schon ein Gewerbegebiet ausgewiesen ist, könnte das „Philharmonische Kraftwerk Aubing“ im Herbst 2019 eröffnet werden – rechtzeitig also vor dem Beginn der Gasteig-Sanierung, die 2020 starten soll. „Maximal 100 Millionen Euro“, wie Christian Amberger meinte, würde das alles kosten. Geld soll durch Vermietungen erwirtschaftet werden – unter anderem eben an die Münchner Philharmoniker. Mit den Amberger-Brüdern will Thomas E. Bauer dazu eine „Kraftwerks-GmbH“ gründen.

Die Londoner Tate als Vorbild

Aus dem Jahr 1937 stammt das Heizkraftwerk an der Rupert-Bodner-Straße, heute steht es unter Denkmalschutz. 

Die Halle hat laut Architekt Haimerl mit ihren 25 Metern Breite, 25 Metern Höhe und 50 Metern Länge ideale Maße. „Der Altbau bleibt der Star“, wie er meinte – was bedeutet: Bühne, Tribüne, auch die Büros sollen in das Kraftwerk aus dem Jahre 1937 hineingebaut werden, ohne seine Hülle anzutasten. Neben dem großen, flexibel nutzbaren Saal, der bei Klassikkonzerten 1800, bei Rock-Pop-Abenden über 2000 Zuhörern Platz bieten könnte, soll es einen Kammermusik-Saal mit 400 Sitzen geben – Letzterer wäre eine echte Münchner Neuheit. Gastronomie, Verwaltung und Technik sollen in einem niedrigen Anbau untergebracht werden. Gedacht sind diese Extra-Gebäude als flache, „extrem niedrig gehaltene Kunstschollen“, die den historischen Bestand rahmen. Als Vorbild für das gesamte Projekt hat Haimerl die Londoner Tate Modern im Visier, wo ebenfalls ein altes Kraftwerk umgebaut wurde – dort allerdings für eine Gemäldegalerie. Angebunden ist das Aubinger Areal über die S-Bahn, die rund 500 Meter entfernt liegt. Eine Buslinie wäre möglich, auf jeden Fall aber ist für Pkw-Nutzer eine Tiefgarage vorgesehen.

"Hochwertiges Konzerthaus" statt "Provisorium"

Das derzeitige Gerede von einem Aubinger „Provisorium“ stößt den Initiatoren dabei sauer auf. „Das wird kein Provisorium, sondern ein extrem hochwertiges Konzerthaus“, beteuerte Haimerl. Falls die Münchner Philharmoniker doch nicht mitmachen, haben Allguth, Thomas E. Bauer und Peter Haimerl einen Plan B. Der besagt, dass es in Aubing – sollte das alles von der Stadt genehmigt werden – auf jeden Fall zu einem Kunst- und Kulturzentrum kommt. Dann vielleicht mit einer Musical-Nutzung in einem flexiblen großen Saal, der Kammermusiksaal gilt als gesetzt. „Im Musical-Bereich gibt es in München doch einen eklatanten Notstand“, wie Christoph Amberger glaubt. Überdies sei allein im Westen Münchens in den nächsten Jahren mit rund 200 000 Neubürgern zu rechnen – genügend Besucherpotenzial also für U- und E-Musik.

Während also im Falle des „Philharmonischen Kraftwerks“ schon Verführerisches und – dank der Pläne – Greifbares zur Verfügung steht, geht die Endlos-Debatte um den Konzertsaal des Freistaats in eine neue Runde. In der heutigen Kabinettssitzung dürfte Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) beauftragt werden, mit den Investoren der Kultfabrik und des Postpalastes über einen Saal-Bau zu verhandeln. Zudem soll laut Kabinettsvorlage, die unserer Zeitung vorliegt, eine „Lenkungsgruppe Neuer Konzertsaal“ eingerichtet werden.

Wie berichtet, schneidet in einer Expertise des Architektenbüros Speer & Partner die Kultfabrik am Ostbahnhof am besten ab, mit Abstand folgt die Paketposthalle, einen knappen dritten Platz belegt der Finanzgarten. „Sollten die Gespräche mit beiden Eigentümern nicht zielführend sein, sollte man sich allerdings aus strategischen Gründen eine weitere Option offen halten“, heißt es in der Kabinettsvorlage. Noch in diesem Jahr solle „schnellstmöglich“ ein Ergebnis vorliegen.

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