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Bietet einen Beinahe-Strip anstelle des Tanzes zum Lerchenau-Walzer: Günther Groissböck als Ochs im Salzburger „Rosenkavalier“.

Premierenkritik

Von altmeisterlichem Format

Salzburg - Harry Kupfer inszenierte, Franz Welser-Möst dirigierte bei den Salzburger Festspielen den „Rosenkavalier“. Die Premierenkritik.

Zwei, drei Schwellen gibt es, die können nicht übertreten werden. Das ist dumm für Regisseure mit Hyperambition und Umkrempelungsanfällen, aber: Der „Rosenkavalier“ gehört eben nach Wien, der Baron ist ein Baron, die Marschallin eine Marschallin, und gekämpft wird mit dem Degen, nicht mit der Maschinenpistole. Was allerdings funktioniert: ungute Traditionen durchbrechen. Der Baron muss also kein Zweizentner-Bass im Pensionsalter sein, das Stück lässt sich durchaus an den Anfang des 20. Jahrhunderts verrutschen, wie es Regisseur Harry Kupfer hier in Salzburg getan hat. Und die Musik muss nicht so tönen, als glänzten einem aus der Partitur die in Butter geschwenkten Klangknödel entgegen.

Bedenkt man das alles, dann hat diese Festspiel-Premiere also ihre Meriten. Einen „Kerl“ forderte Textdichter Hugo von Hofmannsthal für den Ochs, einen „Halbgott-Philister“ mit Kraft und Humor, und genau das ist Günther Groissböck. So jung war Sophies Freier selten, das hat Konsequenzen. Am Ende des zweiten Akts darf der 37-Jährige zum Lerchenau-Walzer nicht tanzen, sondern einen Fast-Strip hinlegen und seine Ergebnisse aus der Mucki-Bude bestaunen lassen. Und dass da einer eine Frau braucht, weil die steigenden Säfte bald das Großhirn lahmlegen, glaubt man Groissböck, der sich für die Rolle ein Zähnebleckengrinsen zugelegt hat, sofort.

Gesanglich ist der Niederösterreicher noch nicht ganz frei. Dazu klebt der Blick – kein Wunder bei der vertrackten Partitur – im ersten Akt zu sehr am Taktstock. Doch das wird sich ändern, das kündigte sich schon im Laufe des Abends an. Die Rolle tut Groissböck gut, auch weil er sich mal nicht allein auf seinen sonoren Pracht-Bass verlässt, sondern Nuancen riskiert, Sprechklang einsetzt, überhaupt seine Stimme offener, ungedeckter als sonst führt. Gepoltert wird kaum, dafür gibt’s viel vokale Feinmechanik, raumfüllend ist das allemal. Ein starkes Debüt, eine ganz eigene Charakteralternative. Demnächst wird Groissböck den Ochs an der Met singen – er dürfte seine Paradepartie werden.

Die andere Überraschung ist Franz Welser-Möst. Bei der vorausgegangenen Produktion hatten die Wiener Philharmoniker unter Semyon Bychkov noch einen Rumpel-Strauss hingelegt, nun hört man anderes heraus: Noblesse, Eleganz, Schwerelosigkeit, kaum Imponiergehabe, alles bei engem Kontakt zu den Sängern. Welser-Möst schafft es tatsächlich, den Dynamikregler mal in die andere Richtung zu bewegen. Wo zugelangt werden muss, passiert das auch, aber eben nur vorübergehend. Gespielt wird, das ist selten, die strichlose Fassung. Welser-Mösts Strauss-Deutung ist keine des ständigen „Verweile doch“, dazu sind die Tempi zu straff, dazu ist der Klang zu schlank organisiert. Ein Baiser ist sein „Rosenkavalier“ trotzdem, allerdings nicht, weil er so süß ist, sondern so luftig.

Was sich gegen all das sperrt, ist der Rahmen. Die Akustik im Großen Festspielhaus, befördert noch durch die fast leere Szenerie von Hans Schavernoch, ist zumindest fürs Parkett eine Katastrophe. Die Stimmen finden kaum Resonanz, ohne einen Handwerker wie Welser-Möst wären die Sänger verloren. Regisseur Harry Kupfer, mit 78 Jahren auf die Festspielbühne zurückgekehrt, hat dennoch Gefallen am Überformat – und beherrscht es auch. Die besten Szenen sind die, wenn nur zwei, drei Solisten ohne Dekorationsbeilage agieren. Die Verlorenheit der Menschen wird spürbar, besonders aber eine eigentümliche Spannung.

Kupfer gelingt eine Inszenierung von altmeisterlichem Format. Kulinarik, auch wenn das schon einige mit Blick auf die Ovationen behaupten, ist das nicht. Die wenigen szenischen Elemente, die riesigen Projektionen von Hofburg, Ringstraßenpracht und Prater-Allee im Nebel erzeugen eine seltsame, monumentale Leere, in der wie unbehauste Figuren nach Glück und Liebe suchen. Erzählt wird eng an der Handlung entlang, dies ohne Überdruck und Karikaturenalarm. Faninal, vom grandiosen Sängerdarsteller Adrian Eröd gestaltet, ist kein Popanz, sondern ein abgründiger Emporkömmling. Octavian, den Sophie Koch mit impulsivem, in der Höhe leicht verhärteten Mezzo singt, ein distinguierter junger Herr, kein überdrehter Twen. Die Sophie allerdings, und das ist das Problem, funktioniert nur als Typ. Mojca Erdmann ist ganz zerbrechliches, scheues Hascherl – und klingt auch so.

Eine Offenbarung freilich ist Krassimira Stoyanova als Marschallin. Die Stimme trägt, flutet frei durch die Register, ein Gesangsstudie der goldenen Mitte: ohne zu viel Träne, mit vorsichtig dosierter Aristokratie und Melancholie, gleichzeitig mischt sich Jungmädchenhaftes dazu, alles technisch perfekt. Die Monologe im ersten Akt sind nicht Klang gewordene Midlife-Crisis, sondern kluges, ironisches Reflektieren. Und am Ende, wenn es ans Terzett geht und die Stimme sich löst von allem, dann öffnet sich endgültig der Festspielhimmel zur bislang besten Opernproduktion des Sommers. „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein“: Da müssen Octavian und Sophie auch die Marschallin gemeint haben.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen

am 5., 8., 11., 14., 17., 20. und 23. August;

Telefon 0043/ 662/ 8045-500; Fernsehaufzeichnung am 18. August, 22.20 Uhr, auf ORF 2 sowie am 21. August, 22.45 Uhr, im BR.

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