Altmodisches Kino triumphiert

Mit der Verleihung der Goldenen Löwen ist am Samstag das Internationale Filmfestival in Venedig zu Ende gegangen. Die Preisentscheidung enttäuschte zumeist.

Diesmal gab es kein Happy End am Lido. Erst vor zwei Jahren hatten kluge Entscheidungen der Jury unter Präsidentin Cathrine Deneuve einen schwachen Wettbewerb zum glücklichen Abschluss gebracht und damit unter anderem Festivalboss Marco Müller die Haut gerettet. Diesmal, nach dem schwächsten Wettbewerb seit mindestens zehn Jahren, gelang Wim Wenders kein ähnlicher Coup - wohl auch weil dieser Regisseur selbst, wenn man ehrlich ist, in den letzten 20 Jahren nicht einen Film gedreht hat, der das Kino auch nur um Zentimeter vorangebracht hätte.

 Mit überaus sicherer Hand hat die Jury um Wenders - nur in einem Fall unter 50 Jahre alt - jene Filme ausgezeichnet, aus denen Publikum und Professionelle noch während der Vorstellung in Scharen geflohen sind. Die Preise in diesem Jahr gingen durchweg an ein altmodisches Kino, ein Kino, das ästhetisch schon nicht mehr gegenwärtig ist, noch dass es Zukunft hätte.

 In dem Fall, wo Werke eindeutig der Vergangenheit angehören, wie die Auszeichnung fürs Lebenswerk an Werner Schroeter, Wenders alten Kumpel aus den 70er-Jahren, mag das noch Sinn machen. Weit schlimmer wiegen die Werke aus dem Niemandsland wie der äthiopische Film "Teza" von Halle Garima. Ein Film, den man nur als typischen Ethno-Festivalfilm bezeichnen kann. "Teza" ist eine bestenfalls naiv erzählte Fabel über die äthiopische Geschichte aus Sicht der Opposition. Moralisch ehrenwert, filmisch belanglos.

Produktionen dieser Art haben es bei Preisverleihungen leicht, weil gegen sie niemand etwas sagen kann: Ihr Dilettantismus gilt als Ursprünglichkeit außereuropäischer Kultur, ihre Naivität als Unschuld - die Verachtung, die eigentlich in dieser Perspektive liegt, die auf jeden Anspruch verzichtet, ist den meisten gar nicht erst bewusst. Sie sind "wichtig", weil es kaum Filme aus dieser Region gibt, weil sie Themen eine Stimme geben, die woanders keine haben. Dass diese Stimme außerhalb des Festivals nie gehört werden wird, weil die Filme weltweit kaum Verleiher finden, interessiert dann niemanden mehr. Und wie mager ihre künstlerische Qualität ist, merkt keiner, denn es sieht sie ja kaum jemand.

 Ähnlich auch die Auszeichnung für "Papier Soldier" von Aleksey German jr. Es ist bekannt, dass dieser Film sowohl von der Berlinale wie vom Festival in Cannes rundheraus abgelehnt wurde. Das muss nichts heißen, doch die Premiere bestätigte alles: Dieses öde, dialoglastige, von Altherrenhumor triefende Kammerspiel über die fehlgeschlagenen russischen Weltraumversuche macht allenfalls anschaulich nachvollziehbar, warum es die Russen in den 60ern nicht auf den Mond geschafft haben.

 Der einzige noch halbwegs akzeptable Preis ist der Goldene Löwe für Darren Aronofsky und "The Wrestler" - übrigens die erste Auszeichnung für einen amerikanischen Film seit 1993, als Robert Altman mit "Short Cuts" gewann. Auch dieser handwerklich solide Film lebt vom Charme der Nostalgie. In dem in den frühen 80ern angesiedelten Werk spielt Mickey Rourke einen alten Showringer, der seinen Job aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel hängen und sein Leben ändern muss. Vielleicht konnte sich Wenders mit diesem Mann, der längst seine eigene Legende ist, identifizieren. Jedenfalls beweist Wenders, der einst mit dem Slogan "Opas Kino ist tot" angetreten war, spätestens mit dieser Entscheidung, dass er selbst zur Großvätergeneration gehört. So ändern sich die Zeiten.

Die traditionsreiche Mostra, das älteste Filmfestival der Welt, betreibt mit einer solchen Auswahl von Filmen und Jury allerdings ihre Selbstabschaffung. Schon in diesem Jahr fehlten viele Vertreter der Branche, und die italienische Presse beschrieb ziemlich präzise die Schwächen des Festivals unter Leiter Marco Müller: "Nie zuvor gab es so viel Unmut und Kritik", schimpfte etwa der einflussreiche Paolo Mereghetti. "Das Programm scheint unter Müller seinen Kompass verloren zu haben. Es fehlt ein tieferer Sinn des Festivals, eine ,raison d'etre’. Weder bedient man den Markt, noch formuliert man offen eine Alternativvision. Von allen großen Festivals ist Venedig das sterilste, unfähig zu klarem Geschmack und Stil." Genau dies, eine eigene, erkennbare Haltung, ist es aber, die überhaupt die Daseinsberechtigung eines Festivals ausmacht.

Sie sah man diesmal nur in den Nebenreihen: Ein Highlight war etwa der mexikanische Beitrag "Yoy a explotar". Stellenweise spielt Regisseur Gerardo Naranjo wie der junge Godard mit den Mitteln des Mediums, etwa in der grandios inszenierten Szene des Ausbruchs eines jugendlichen Liebespaares aus einer Schule. Sie verstecken sich dann auf der Dachterrasse der Eltern, hören der Erwachsenenwelt heimlich zu und verleben eine unbeschwerte Auszeit von der Realität - bevor diese sie einholt.

 Der diesjährige Überraschungsfilm kam aus China: Emily Tang erzählt in "Plastic Life" eine melancholische Story von Leben und Überleben in der wirtschaftlichen Sonderzone Shenzhen von Hongkong. Abwechselnd stehen zwei Frauen im Zentrum, die eine, noch voller Hoffnung, kratzt Geld fürs Studium zusammen; die andere ist geschieden und hat die Hoffnung schon hinter sich.

Zwei Perspektiven auf Frauenleben - das erinnert an Agns Varda, die gerade 80 gewordene Mitbegründerin der Nouvelle Vague, die einmal ähnliches erzählt hatte. In Venedig präsentierte sie "Les plages d'Agns", eine filmische Autobiografie: Wunderbar subjektiv reiste man mit Varda durch ein leidenschaftliches, selbstbewusstes Leben und 55 Jahre Filmgeschichte. Minutenlange stehende Ovationen für diese Überlebende aus der größten Zeit des europäischen Kinos.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion