Das Ambacher Gefühl - Der Schauspieler Josef Bierbichler

München - Er ist kein Sänger. Aber wenn Josef Bierbichler Schuberts "Winterreise" singt, schaudert`s einen vor Ergriffenheit. Er ist kein Schriftsteller. Doch Bierbichlers autobiografische Betrachtungen "Verfluchtes Fleisch" sind von literarischem Rang. Er will nicht mehr als Schauspieler auf der Bühne stehen. Allerdings wird er im Mai mit dem Theaterpreis Berlin 2008 ausgezeichnet.

 Dieser Schauspieler entzieht sich allen Urteilen, dennoch fordert sein Auftreten jeden dazu heraus, über ihn aussagen zu wollen. Denn etwas an ihm trifft unseren Nerv: die Melancholie und Zärtlichkeit, die seine grobe Schroffheit doch nie ganz verbergen kann. An diesem Samstag wird der Mann aus Ambach am Starnberger See 60 Jahre alt.

Es sei Zufall gewesen, dass er Schauspieler geworden sei. Der Landwirts- und Gastwirtssohn machte zunächst eine Lehre als Hotelfachmann, dann erst bewarb er sich einer "fixen Idee" folgend an der Otto-Falckenberg-Schule. Da war Bierbichler immerhin schon 23 Jahre alt. Doch trotz des "fortgeschrittenen" Alters: Er wurde angenommen.

Danach ging es ziemlich schnell. Der Mann mit dem unverkennbar bayerischen Idiom wurde berühmt von Hamburg bis Wien. Zunächst durch seine Freundschaft mit Herbert Achternbusch und die damit verbundenen künstlerisch-politischen Skandalen. Das waren die 80er-Jahre. Strauß-Zeit in Bayern. Da provozierten Filme wie "Das Gespenst" oder "Das Andechser Gefühl" und Stücke wie "Gust". In letzterem fiel Bierbichlers denkwürdiger und folgenschwerer Bühnenausspruch: "Der letzte Terrorist ist mir lieber als der erste Arsch von der CSU." Das kostete den damaligen Chef des Residenztheaters, Frank Baumbauer, den Kopf und Bierbichler das Engagement am Bayerischen Staatsschauspiel. Für beide aber bedeutete diese Ungebührlichkeit den großen Karrieresprung.

Theater, Fernsehen, Film - Bierbichler kann es sich aussuchen. Und wenn er nicht will, muss er nirgendwo mitspielen. Seine materielle Unabhängigkeit beschert dem Landmann und Wirt von Ambach eine Freiheit, die von Anfang an seine sehr besondere künstlerische Individualität ausmachte. Damit konnte Bierbichler aber auch immer wieder nerven. Wenn er zum Beispiel in einer Aufführung, weil ihn das Theater gerade so langweilte, kurz mal mit 'ner Maß Bier auf die Bühne kam, um schnöde seinen Text abzuliefern. Oder er mit einem Extempore auf bestimmte Zuschauer reagierte.

Aber nicht Provokationen dieser Art machten Bierbichler zum großen Künstler. Sondern jene Rollen, denen er sich nicht "anverwandeln" musste. Wo er sich Authentizität nicht erspielen musste, wo sie naturgegeben vorhanden war. Rollen, die ihm passten - wie Horváths Kasimir oder Tschechows Lopachin. Oder wie der Holzhacker in seinem eigenen Stück "Holzschlachten. Ein Stück Arbeit", das er 2007 in Berlin uraufführte.

Mittlerweile ist es der Film, der Bierbichler Starstatus verleiht. "Winterschläfer", "Hierankl", "Winterreise" - große Kinomomente. Und "Abschied". Darin spielte Bierbichler den alten Brecht; die letzten Monate im Leben des Dichters, der ein Bayer war in Berlin und ein Kommunist im Zweifelsstand. Eine schauspielerisch kongeniale Umsetzung. Vielleicht auch eine Seelenverwandtschaft des Ambachers mit dem Augsburger. Denn genau wie einst Brecht scheint heute auch Bierbichler eher in Berlin seine künstlerische Plattform gefunden zu haben als in Bayern. Sein Zuhause aber wird immer Ambach bleiben, wohin er sich, wie er in einem Filmporträt erzählt (diesen Samstag, 20.15, im Bayerischen Fernsehen), zurückziehen will: "Ich möchte noch einmal mit mir allein ich selbst sein und das geht - wie der Klang schon andeutet, nur allein. Ich möchte mich schon mal an die Eisamkeit erinnern, und das muss ich tun, solange ich noch lebe."

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