Ambivalenter Seufzer

- Das hatte er nicht kommen sehen. Als Paul McCartney, seinerzeit gerade 24, das Lied "When I'm Sixty-Four" für das mythische Beatles-Album "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" aufnahm, war das eigentlich nur eine Art schrulliger Geburtstagsgruß an seinen Vater, der damals gerade 64 geworden war. Aber inmitten der revolutionären Klangexperimente der Platte entwickelte sich das eingängige Liedchen schnell zu einem der beliebtesten Schlager der Band.

Die Melodie hatte McCartney schon als Teenager komponiert, und der Text wurde damals, zur Blüte der Hippie-Zeit, als Satire auf provinzielle Spießigkeit interpretiert. Im Vaudeville-Stil arrangiert, erweist sich das Lied im Nachhinein als ambivalenter Seufzer.

Die Sehnsucht nach dem Sonntagsausflug

Denn McCartney, im Grunde ein sentimentaler nordenglischer Macho, brachte darin - bewusst oder nicht - seine Sehnsucht nach romantischer Idylle mit der einen einzigen großen Liebe zum Ausdruck.

Und tatsächlich lernte McCartney just bei einer Werbeaktion zu "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" 1967 seine Traumfrau Linda Eastman kennen und lebte bis zu ihrem Krebstod 1998 so, wie er es in "When I'm Sixty-Four" beschrieben hatte - als typisch britisches Familienoberhaupt mit Nachmittagstee, Kindern im Garten und Sonntagsausflug.

Nun wird er an diesem Sonntag - es ist sein 64. Geburtstag - von allen Seiten mit seinem alten Hit konfrontiert werden, und es wird kein schöner Tag für ihn sein. Seine zweite Ehe mit dem ehemaligen Foto-Model Heather Mills ist gerade spektakulär gescheitert. Und Sir James Paul McCartney, mit Abstand erfolgreichster und wohlhabendster Pop-Musiker aller Zeiten, wird wehmütig an bessere Zeiten zurück denken, als er nicht ein Denkmal, sondern Trendsetter der Musikgeschichte war.

Ab 1962 hatte McCartney mit den Beatles die Welt nachhaltig verändert. Auf allen Kontinenten sind die Songs der Beatles Allgemeingut geworden - eine Art internationale Volksmusik. Gemeinsam mit seinem kongenialen Lieblingsfeind John Lennon und alleine hatte McCartney als Komponist mehr Hits als jeder andere. Er darf als größter Verfasser populärer Musik überhaupt gelten. Nicht zuletzt, weil er sich prinzipiell nicht unterkriegen lässt. Sein hemdsärmeliger Optimismus war ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Beatles, und auch jetzt wird er nach all den privaten Tiefschlägen das tun, was er tun muss: lächeln und sich an die Arbeit machen. Und insgeheim von dem bürgerlichen Glück im stillen Winkel träumen, von dem er als junger Mann in "When I'm Sixty-Four" gesungen hatte.

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