Amerika in West Virginia

- "Dass der Berg ihn umbringen würde, wusste er gleich, als er ihn das erstemal sah. Die Eisenbahn gab bekannt, dass sie Männer brauchte, um einen Tunnel zu graben, und hängte einen Plattformwagen für Neger an einen Zug Richtung Westen." So kam John Henry nach West Virginia in die Stadt Talcott. Der Big Bend Tunnel wurde sein Schicksal. Und der schwarze Bohrhauer, der jahraus jahrein mit seinem Hammer den Stahl in den widerspenstigen Fels schlug, zur Legende.

<P>Er sorgte mit sagenhafter Körperkraft dafür, dass die Räder rollen konnten durch die Neue Welt. Doch als eines Tages die Industrialisierung bis nach Talcott vordrang und die Erfindung der Dampfbohrmaschine die Hauer ersetzen sollte, wollte John Henry den Beweis seiner Unersetzlichkeit erbringen. Und er trat an zum Kampf Mensch gegen Maschine - den John Henry gewann. Ein Triumph, den er aber mit dem Leben bezahlte. Das alles geschah Ende des 19. Jahrhunderts.</P><P>"Laufen Schwarze blau an?... Einem Nigger beim Sterben zuzusehen, damit kennen sie sich aus."<BR>J. Sutter in "John Henry Days"</P><P>Jedes amerikanische Schulkind kennt diesen Helden, lernt seinen Song, weiß, wie dieser Musterknabe der Nation ausgesehen haben muss. Denn sein gemaltes Konterfei prangt immer mal wieder von einer US-Sonderbriefmarke auf die Menschheit herab. Er taugt der weißen US-Gesellschaft zur illusionären Lebenslüge über Gleichheit und Normalität im eigenen Land.</P><P>"Am besten verdient man sich zuerst Vertrauen und missbraucht es später." Dieser Satz gehört in die Gegenwart. Er ist das zynische Berufsmotto des schwarzen Journalisten J. Sutter aus New York, der eigentlichen Hauptfigur des Romans "John Henry Days" des amerikanischen Schriftstellers Colson Whitehead (35). Hierzulande noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt, gilt der in Brooklyn lebende Autor - ursprünglich selbst freier Journalist - bereits als ein herausragendes Talent. Nach dem literarischen Debüt "Die Fahrstuhlführerin" ist "John Henry Days" sein zweiter Roman. Mit großem Ernst, mit viel Fantasie und Witz, mit Selbstironie und historischem Gespür, mit sprachlicher Raffinesse und poetischer Kraft entwirft Whitehead hier in aller Breite und mitunter auch Weitschweifigkeit ein Bild Amerikas in den letzten hundert Jahren.</P><P>Whitehead verknüpft ganz einfach die Geschichte des sagenumwobenen Idols John Henry mit der Gegenwart, die sich ihren Mythos selbst schafft. Die Stadt Talcott, insgeheim wie vor 50 und vor 100 Jahren noch immer ein Rassistennest, zelebriert vor allem aus Gründen der PR das Heldengedenken an den einstigen Nigger-Sklaven.</P><P>Ein groß aufgemotztes Event, Kongress und Volksfest, lockt eine Horde cooler New Yorker Journalisten nach West Virginia. Dazu einen kuriosen Eisenbahn-Briefmarkensammler und, auch sie wie Sutter eine Afroamerikanerin, die jüngferlich frustrierte Pamela, deren Vater John-Henry-Devotionalien gesammelt hat. Die Stadt hofft jetzt, die für ihr Museum zu erwerben.</P><P>Indem der junge Autor diese Menschen im einzelnen porträtiert, ihre Macken und Spezialitäten, ihre Stärken und Schwächen, präsentiert er dem Leser eine in allen Farben schillernde Palette amerikanischen Lebens. Wobei er das der Journalisten, jener zynischen Armada von Spesenrittern, mit besonderer, ironischer Aufmerksamkeit bedenkt. Dazwischen schiebt er Essay-artig zwei grandiose Rückblicke: einmal auf ein skandalös-spektakuläres Konzert der Rolling Stones zu Woodstock-Zeiten, zum anderen auf den großen, aber politisch verfemten Sänger und Schauspieler Paul Robeson. In dem klaffenden Widerspruch zwischen beiden Ereignissen der tiefste Abgrund, die Wahrheit über das Amerika Whiteheads.</P><P>"Die nichtverwendeten Sequenzen des perfekten amerikanischen Films, den kein Mensch je sehen wird."<BR>Colson Whitehead</P><P>Immer wieder setzt er seine Roman-Figuren in Beziehung zu den historischen Ereignissen um John Henry und sein Duell mit der Dampfbohrmaschine und verknüpft damit auf bestechend logische Weise das Leben von heute mit dem vor 100 Jahren. Und siehe da, die Vergangenheit ist längst nicht so vergangen wie es J. Sutter, der einzige Farbige unter der Zeitungsmeute, anfangs zu glauben schien. Die Geschichte des Bohrhauers bleibt nicht ohne Wirkung auf ihn, zieht ihn magisch an, droht schließlich, indem er sich mit ihr identifiziert, ihn ganz und gar zu verschlingen. Und endlich weiß nicht nur Pamela, die zum Abschluss der John Henry Days ihre Lebens- und Liebeshoffnung an J. Sutter geknüpft hat, sondern ahnen es auch die Leser, wofür dieses J im Namen des neuen Helden steht.</P><P>Insgesamt: ein großer Roman, eine spannende Lektüre. Ein Amerika-Bild jenseits aller Klischees.</P>

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