Amok statt Amor

- Ein glutrot flammender Endzeitort? Bibelgeschwätz. Die Hölle ist anders. Mausgrau die Anzüge, steingrau die Krawatten, aschgrau die Gesichter. Am Ende wird auch der Held seines luftigen Schmetterlingsmantels beraubt und als kastrierter Tatterich im Boss-Outfit unter Business-Wesen eingereiht. Die Höchststrafe für Don Giovanni: keine effektvolle Fahrt in die Unterbühne, sondern Assimilation mit einer lieb- und trieblosen Gesellschaft. "Wo ist die Hölle?", fragen seit Wochen Plakate der Komischen Oper Berlin. Antwort: gleich um die Ecke, zwischen Reichstag, Botschafterviertel und Commerzbank.

<P>Ein bisschen war man bange. Droht Peter Konwitschny - nach dezenten Regieanfertigungen für "Meistersinger" und "Don Carlos" - der altersmilde Spätstil? Sein kultverdächtiger "Don Giovanni", an der Komischen Oper mit heftigen Ovationen gefeiert, denen sich bald auch Buh-Rufer beugten, widerlegt's. "Dramma giocoso", heiteres Drama, der scheinbar widersprüchliche Untertitel, ist Programm. Beschwören andere Mozarts Oper als dunkle Tragödie, serviert Konwitschny vieles als duftig-hintergründige Komödie. Schmunzeln erwünscht, vor allem über die neue deutsche Fassung (Bettina Bartz/ Werner Hintze), die Da Pontes Libretto frech aktualisiert.</P><P>Eine Libido-spendende Sonne ist dieser geschmeidig tänzelnde Mann in Weiß und Gelb, den alle wie Trabanten umkreisen: Donna Anna, die sich ihm gern hingab, dem eiskalten Verlobten Ottavio gegenüber indes von Vergewaltigung faselt, oder Zerlina, die sich beim "Reich' mir die Hand" keinen keuschen Flirt, vielmehr eine heiße Nummer auf dem Fußboden gönnt. Dieser Giovanni ist nicht nur Verführer, sondern auch Katalysator, der lang verdrängte Triebe freisetzt. Der erste Akt, von Konwitschny enorm emotional zugespitzt, gipfelt so im Massengelage, bei dem Masetto sein Outing erlebt, es mit Leporello treibt und sich Giovanni wie der Heilige Sebastian an eine phallische Stange schmiegt, um darauf mit dem Komtur Tango zu tanzen.</P><P>Gewaltig die Fallhöhe zum zweiten Akt, in dem Konwitschny Realität durchbricht, seinen heiß gelaufenen Charakteren nicht mehr Amor, sondern Amok droht. Wo Fesseln gesprengt sind, wird nun auch Fassung verloren. Das Geschehen kippt, Schüsse fallen, Figuren "sterben". Ottavio unterbricht zum Entsetzen mancher Zuhörer seine zweite Arie, um Mozarts berühmten Brief an den Vater zu zitieren. Doch vom Tod als den "wahren, besten Freund" will man nichts hören, die Damen rennen schreiend von der Bühne. Später wird Anna Trost bei Elvira suchen, die Enttäuschte findet in der Rivalin, von Konwitschny berührend gezeigt, eine neue Liebe.</P><P>Ausgiebig hatte der Regisseur, dessen Münchner "Tristan" Unmut im Ensemble provozierte und der erst 2005 zum "Fliegenden Holländer" an die Isar zurückkehren wird, seine Berliner Mitstreiter gelobt. Und dass sich hier ein ganzes Haus begeistert in eine Produktion geworfen hat, merkt man der Aufführung an, deren Intensität und Unbedingtheit von der ersten Sekunde an bannt, wenn der kleine Amadeus zu den Donner-Akkorden der Ouvertüre mit dem Vater bricht.<BR>Bis an die Grenzen (oft darüber hinaus) werden die hervorragenden Singdarsteller getrieben, darunter Bettina Jensen als vor unausgelebter Liebe brennende Donna Anna, die die heikle Partie mit üppig-sattem, in einer Silberfassung strahlendem Sopran bewältigt.</P><P>Jens Larsen entwickelt als Leporello den Charme eines aggressiv gewordenen Tanzbären; Finnur Bjarnasons Ottavio (mit sauber geführtem, etwas engem Tenor) streift den Panzer des glatten Bankers ab, um am Schluss doch wieder nach den "zuständigen Stellen" zu rufen. Dietrich Henschel (Giovanni) mag nicht gewohnte Grandezza-Stereotypen liefern, seine balletthaft flatternde Präsenz, dazu der virile, am Liedgesang geschulte Bariton, eröffnen der Partie allerdings neue Facetten. Wie überhaupt Konwitschny jede Charakterzeichnung ganz aus den Solisten heraus formte, den Rollen und Beziehungsgeflechten so große, aufregende Wahrhaftigkeit verlieh.</P><P>Kirill Petrenko und das grandiose Opernorchester setzten dem Geschehen ihre eigene Spannung entgegen: mit einer kraftvollen, oft das Brutale streifenden Interpretation, die Schockmomente der Partitur, das Überzeichnete, Moderne akzentuierte. Trotz d-moll-Grusel: Ans Dämonische mag der Regisseur nicht glauben, erst recht nicht an den Finaljubel, aus dem sich hier immer mehr Instrumente verabschieden, bis das Stück schlusslos verebbt und der Vorhang fällt. "Bitte weiter, Herr Konwitschny", schallt's erbost aus dem Rang. Stimmt genau _ am besten mit "Figaro" und Cosí fan tutte".<BR><BR></P>

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