Amouröse Erinnerungen

- "Sie heißt Székesfehérvár." Keine Angst, das geht so nicht weiter im Text. Die Ortsbezeichnung - gemeint ist die älteste Stadt Ungarns und Geburtsort des jungen András - macht auf den ersten Seiten des Romans vor allem eines klar: Was im Folgenden abgehandelt wird, spielt zum großen Teil in Ungarn. Und was wird abgehandelt? Die Liebe. Zumindest das, was der erzählende Held András Vajda in seinen "amourösen Erinnerungen" dafür hält.

<P>"Wie ich lernte, die Frauen zu lieben" heißt das charmante Stück Prosa von Stephen Vizinczey (71). Der gebürtige Ungar und Weltbürger, der heute als kanadischer, ungarischer und britischer Staatsbürger in London lebt, beschreibt in seinem Roman-Erstling die sexuelle Neugier und Getriebenheit, die fiebrige Verliebtheit, die kesse, aber unschuldige Kunst der Verführung des frühreifen Knaben, der aus dem Staunen vor der vielschillernden Schönheit der naturgemäß immer älteren Frauen nicht herauskommt, ehe er nicht in ihr Bett hineingekommen ist. <BR><BR>"Hast du schon mal was von Einsteins Gesetz gehört? Lust verwandelt sich in Energie."<BR>Boby im Kapitel "Über die Lässigkeit"<BR><BR>"Dieses Buch", so beginnt der Ich-Erzähler, "ist für junge Männer geschrieben und älteren Frauen gewidmet - und die Verbindung zwischen beiden ist mein Thema". Stürze sich der Leser also hinein in die erotischen Abenteuer des ungarischen Pfiffikus', der nicht lebt, um Sex zu haben, sondern der Sex hat, um zu leben.</P><P>Und so ist die Lebensgeschichte des Jünglings nicht nur die amüsante, zum Teil paradoxe, oft ungestüme Aneinanderreihung unterschiedlichster und gleichzeitiger Verliebtheiten. Sondern der Roman erzählt damit auch einen Teil ungarischer Zeitgeschichte der Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit, des alten, des nationalsozialistischen und des kommunistischen Ungarn, aus dem Stephen Vizinczey 1956 fliehen musste.<BR><BR>Niemand sollte glauben, dass die erotischen Erlebnisse des schönen András schlüpfrige Schlüssellochszenen im heute üblichen TV-Schmuddel-Stil enthalten würden. Von einer Quotenjagd dieser Art ist der Autor weit entfernt. Ganz neu nämlich ist sein Roman nicht. Erstmals veröffentlichte ihn Vizinczey 1965 in Toronto im Selbstverlag und landete damit auf Anhieb einen Bestseller. 1967 erschien die deutsche Erstausgabe unter dem Titel "Frauen zum Pflücken", eine weitere deutsche Übersetzung kam 1980 heraus: "Lob der erfahrenen Frauen". Nun also die dritte Übersetzung, diesmal von Carina von Enzenberg in Zusammenarbeit mit dem Autor selbst - und damit der erneute Versuch, dieses Buch und diesen Schriftsteller im Bewusstsein der deutschsprachigen Leserschaft fest zu verankern. Was mit dem Roman in seiner schlichten, heiteren Selbstverständlichkeit genauso gelingen dürfte, wie es ja auch der liebessüchtige Andrá´s schafft, die Frauen für sich einzunehmen.<BR><BR>Das beginnt, als er noch ein wirklich kleiner Junge war, mit der "strahlenden Liebe" seiner Mutter und der Gunst ihrer warmherzigen Kaffeekränzchen-Freundinnen, findet erste Erfüllung bei der klugen Maya, einer verheirateten Nachbarin, und geht bis zu Nusi, einer von ihrem Mann Prügel beziehenden Mutter zweier Kinder aus Budapests armseligem Vorstadt-Milieu. Die ganze Palette unterschiedlichster Frauen lernt er in seinen Sturm- und Drang-Jahren kennen. Und er lernt - oft genug mit einem lachenden und einem weinenden Auge - von jeder. Wobei Stephen Vizinczey auch nicht vor erinnerten Banalitäten zurückschreckt oder mitunter auch nicht vor onkelhaften Ratschlägen an den Leser im so genannten Jünglingsalter.<BR><BR>Dass die Lektüre seines Buchs dennoch durchgehend zum Vergnügen wird, ist der Selbstironie, ist dem Humor des Autors zu verdanken und der Tatsache, sich als positiver Don Juan nicht so wichtig zu nehmen. Denn eines wird klar: Ob Klári, Ilona oder Zsuzsa, Boby oder Mici, Paola oder Ann - immer sind sie die klügeren. Gerade dafür werden sie von András geliebt.</P><P>Stephen Vizinczey: "Wie ich lernte,die Frauen zu lieben". <BR>Aus dem Englischen von Carina von Enzenberg. <BR>SchirmerGraf Verlag, München, 306 Seiten; 19, 80 Euro.</P>

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