Amüsanter Schmarrn

- Wenn jemand vor den Vorhang tritt, bevor der sich hebt, ist das ein schlechtes Zeichen: Der Hauptdarsteller ist krank, die Opernsängerin hat ihre Stimme verloren und wird vom Regieassistenten vertreten. So geht ein Raunen durch den Saal, als Folker Bohnet, Autor, Regisseur und Protagonist der "Klamödie" "In anderen Umständen" vors Publikum der Münchner Komödie am Max II tritt. Er entschuldigt sich, seine Kollegen stünden im Stau. Einzige Möglichkeit, die Premiere pünktlich zu beginnen: Zwei Zuschauer müssen ran.

<P>Prompt meldet sich Elfriede Friedrich, die mal ein Star sein will (und nicht nur der Stern im Krippenspiel) und zieht ihren unwilligen Erwin gleich mit auf die Bühne. Diese Rahmenhandlung rettet die hanebüchene Story vom Versicherungsangestellten, der aufgrund eines Computerfehlers zur werdenden Mutter abgestempelt wird. Peer Augustinski als Erwin tobt sich in seinen vielen Rollen aus, entwickelt sich vom Schüchterling zur Rampensau und macht sogar den Esel aus dem Krippenspiel, samt Schnauber als Zugabe.<BR><BR>Die Selbstironie macht das von müden Witzen durchsetzte Stück doch noch lustig. Der Quatsch wird bedient, die Figuren werden Karikaturen. Peer Augustinski ist der Kölsche Chef mit Clownsfrisur und chronischen Wortverdrehungen ("Schicken Sie einen Wankenkragen!"), der Reich-Ranicki-Verschnitt Professor Schmidt-Waldau mit Stromschlaghaaren und Maulwurfbrille, der vom "Pseudo-Sexualverhalten der Rennechse" doziert, sowie der bauernschlaue Vertreter der Firma "Windelweich", der die werdende Mutter mit dem (Un-)Nötigsten versorgt.<BR><BR>Augustinski tobt sich aus</P><P>Zwischendurch fällt er in die Rolle des Erwin zurück und protestiert: "Wir wollen Inhalte vermitteln, und Sie schütteln sich." Nur gegen die Rolle der Schwiegermutter sträubt er sich - als er aber hört, dass die Schauspieler angekommen sind und seinen Applaus einstecken sollen, findet Erwin das nicht gut ("Soll das heißen, wir müssen uns das Stück noch einmal anschauen?"). Dann macht er die Oma vom Amazonas mit Gewehr, Glitzerbrille und Leopardenmini doch lieber selbst.<BR><BR>Wenn Claudia Rieschel als altjüngferliche Sekretärin Fräulein Vogel zwitschert "Wir sind hier nicht in einer Piep-Show" oder als Lifestyle-Journalistin mit Indianerfrisur und Glitzerleggins davontippelt, weil sie "ihren Artippel ticken" muss, hat das Slapstick-Qualitäten. Was soll man sagen? Es ist halt ein rechter Schmarrn, aber ein erfrischend selbstironischer.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft
Nick Caves Leben – ein Bilderrausch
Reinhard Kleist legt zum 60. Geburtstag von Nick Cave eine eindrucksvolle Comic-Biografie des Künstlers vor.
Nick Caves Leben – ein Bilderrausch

Kommentare