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Wolf Biermann feiert seinen 80. Geburtstag und legt seine Lebenserinnerungen vor.

Zum 80. Geburtstag des Liedermachers und Lyrikers

Wolf Biermann - der aufrechte Spielmann

Berlin - An diesem Dienstag feiert Wolf Biermann seinen 80. Geburtstag und legt seine lesenswerte Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ vor. Hier erzählt der Liedermacher von seinem Leben zwischen Fanatikern und Feinden, Bonzen und Banausen, Freunden und Frauen. 

In der Regel bekommt der Jubilar etwas geschenkt, wenn er seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Wolf Biermann aber macht es umgekehrt. Anlässlich seines Ehrentags an diesem Dienstag hat er der Gesellschaft ein Geschenk gemacht: seine Lebenserinnerungen „Warte nicht auf bessre Zeiten!“. Eine Autobiografie von allerhöchstem Wert. Sie bereitet Vergnügen, denn Biermann ist ein hinreißender, selbstironisch-eitler Geschichtenerzähler, witzig und unsentimental. Vor allem aber besitzt diese umfassende Lebensrückschau einen so großen Informations- und Erkenntniswert, so viel Gefühl und Empathie, dass dieses Buch an den Schulen zur Pflichtlektüre werden sollte.

Biermann wurde als Sohn deutscher Kommunisten geboren

Die DDR ganz ungeschönt, indem der Lyriker und Liedermacher von seinem persönlichen Alltag erzählt, von den Freunden, Fanatikern und Feinden, den Bonzen und Banausen. Von all den Unglaublichkeiten, mit denen die DDR-Führung einen ihrer besten Künstler verfolgte, aber immer auch von der Schönheit des Lebens und der Liebe – zu den Frauen und seinen zehn Kindern.

Die Geschichte beginnt in Hamburg, wo Wolf Biermann am 15. November 1936 als Sohn deutscher Kommunisten geboren wurde. Aber Vater Dagobert, gelernter Schlosser und Maschinenbauer, war nicht nur KPD-Kämpfer, er war auch Jude. Das bedeutete doppelte Verfolgung, Verhaftung, Verurteilung, schließlich Auschwitz und Tod. Die im Lied besungene Oma Meume sorgte dafür, dass der kleine Wolf, um ihn vor der antisemitischen Verfolgung der Nazis zu retten, getauft wurde. Zornig, schamhaft und voller Hass gab Mutter Emma, diese stolze Vertreterin der kommunistischen Arbeiterklasse, nach, kroch unter den Rock der Kirche. Der Junge wurde getauft – und gerettet.

1953 schickte die Mutter ihn in die DDR

Das große Ziel der Mutter: Ihr Sohn möge im Gedenken an den ermordeten Vater den Kommunismus aufbauen. 1953 war es dann so weit. Biermann brach in Hamburg das Gymnasium ab und wurde von Emma in die DDR geschickt – als Elitezögling auf ein Mecklenburger Spezialinternat für Kinder großer und treuer Genossen. Und schon fing das Elend an. Der praktizierte Stalinismus war nichts für den selbstständig denkenden Wolf. Der fiese Versuch, ihn, den Jugendlichen, sogar als Spitzel anzuheuern, sollte ihn dauerhaft auf wachsame Distanz halten zur politischen Klasse der DDR und ließ ihn zu dem kritischen Liedsänger werden, vor dem sich Partei, Stasi und Regierung derart fürchteten, dass sie ihn am liebsten mundtot gemacht hätten.

Auftritt in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft

Biermann bei seinem Auftritt 1976 in Köln - danach durfte er nicht in die DDR zurück.

Elf Jahre Auftrittsverbot, das war der Preis, den Biermann zu zahlen hatte. Zwar hatten die SED-Oberen ihn drei Jahre nach dem Mauerbau in den Westen reisen und dort singen lassen. Mit großem Erfolg. „Die Kabarettisten der populären Münchner Lach- und Schießgesellschaft boten mir ein längeres Gastspiel an. Ich rechnete mir die märchenhaft hohe Abendgage zusammen, und alles in Westgeld.“ Aber er nahm nicht an: „Nur dieser eine Spielmann darf über die Mauer reisen, und alle Normalos werden auf dem Todesstreifen abgeknallt. Das stank nach Korruption…“ Und er hatte Angst, dass die Freunde zu Hause ihn verachten würden und „die Musen mich nicht mehr küssen“.

1976 fand das inzwischen legendäre Köln-Konzert statt

So kehrte er heim nach Ost-Berlin, lebte an der Chausseestraße, direkt gegenüber der „Ständigen Vertretung“ der Bundesrepublik, weiterhin seinen „Bohèmebolschewismus“ und wurde 1965 Opfer des sich wild austobenden Kulturstalinismus. Da Biermann nie zu Kreuze kroch, sperrten ihn die Bonzen Hager und Co. für jegliche Konzerte. Dem Barden das Kreuz brechen, das war ihr Ziel. Elf Jahre lang hatten sie es versucht – bis sie ihn 1976 zum legendären Konzert nach Köln ausreisen ließen und ihm die Heimkehr nicht mehr erlaubten. Rausgeschmissen aus der „Menschenbrechmaschine DDR“, in der die „rotgetünchten Fürsten“ die Bürger wie „Lagerinsassen eingepfercht hinter Stacheldraht, Elektrozaun und Todesstreifen, Stolperdraht, Wachtürmen, Suchscheinwerfern, Minengürtel, Hundelaufgräben und auch noch Selbstschussanlagen“ hielten.

Elf Jahre erzwungenes Schweigen. Doch Biermann wurde immer populärer. Denn er sang zu Hause, nahm in seiner Wohnung Platten auf, mit dem Straßenlärm und der quietschenden Tram als Bigband im Hintergrund. Geschmuggelt nach West-Berlin, kehrten die Lieder über Westradio und Westfernsehen zurück in den Osten. Er war ein hochberühmter Mann. Internationale Prominenz wie Joan Baez machte ihre Aufwartung.

Sein Stück „Der Dra-Dra“ wurde an den Kammerspielen uraufgeführt

Und die DDR, das arme Land, zog finanziellen Profit aus ihrem Staatsfeind Nummer eins. Das war absurd: Die Plattenverkäufe im Westen spülten D-Mark in den Osten; harte Währung, die Biermann nur in geringem Maß zugutekam, und zwar in Form von Intershopschecks; der größere Teil wurde eins zu eins in Ostmark ausgezahlt. Das Gleiche geschah mit den Tantiemen, die Biermann 1971 für die skandalumwitterte Uraufführung seines Theaterstücks „Der Dra-Dra“ an den Münchner Kammerspielen zustanden.

Diese Autobiografie ist eine wahre Fundgrube. Um sich ein Bild zu machen, hilft nur eins: selber lesen. Eingefügt sind einzelne Liedtexte, wunderbare Gedichte. Und es wird einem erneut bewusst: Dieser Wolf Biermann ist jeden Preis wert.

Wolf Biermann:

„Warte nicht auf bessre Zeiten! Die Autobiographie“. Propyläen Verlag, Berlin, 543 Seiten; 28 Euro.


Sabine Dultz

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