+
„Oracle“: Auf den Weg zum Orakel geleiten die Sirenen (v. li. Thomas Hauser, Benjamin Radjaipour und Ixchel Mendoza Hernandez) den Gast.

Premieren von „Wunde R“ und „Oracle“ an den Münchner Kammerspielen

Willkommen in der Wirklichkeit

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
    schließen

Die Münchner Kammerspiele sind aus der Corona-Zwangspause zurück: Gerade feierten die Uraufführung „Wunde R“ sowie die Installation „Oracle“ Premiere.

Es ist ein weiter Bogen, den Münchens Kammerspiele an diesem ersten Premierentag nach der Zwangspause schlagen: vom Ursprung des Theaters, dem Erzählen, bis hin zur begehbaren Installation, die den Zuschauer als Akteur braucht und fordert, ihn nicht nur intellektuell oder emotional, sondern ganz konkret körperlich hineinzieht ins Geschehen. Das echte Schauspiel findet in uns statt.

„Wunde R“ und „Oracle“ wurden bereits vor Corona probiert

Aber natürlich ist das die wichtigste Botschaft dieses Montags: Sie spielen wieder! Endlich. Mit „Wunde R“ und „Oracle“ feierten zwei Produktionen Premiere, für die bereits vor Corona probiert wurde – und die nun virusgerecht umgearbeitet wurden. Das ist beiden Regieteams ebenso geglückt, wie es dem Einlasspersonal gelingt, für korrekte und entspannte Abläufe zu sorgen.

Regisseur Felix Rothenhäusler geht für seine Inszenierung der Uraufführung von Enis Macis „Wunde R“, einem Auftragsstück der Kammerspiele, zurück zu den Anfängen des Theaters. Das Feuer, an dem einst berichtet und fabuliert wurde, ist nun ein durchsichtiger, hell ausgeleuchteter Tisch. Katharina Pia Schütz hat ihn in der Mitte der Kammer 3 platziert; außerhalb des Kreises, der die Spielfläche markiert, können sich die 20 Menschen, die zuschauen dürfen, frei bewegen.

„Wunde R“ mit (v. li.) Eva Löbau, Vincent Redetzki, Julia Windischbauer und Zeynep Bozbay.

Maci, Jahrgang 1993, zeigte bereits vor zwei Jahren in ihrem Essay-Band „Eiscafé Europa“ (Suhrkamp) klug und unterhaltsam, dass Reflexion literarischer Punkrock sein kann. Für „Wunde R“ mixt und verwebt sie Fetzen aus dem Internet mit historischen Quellen, eigenen Erfahrungen und Beobachtungen. In seiner mäandernden, sprachverspielten Art erzählt das Werk von der Unterdrückung der Frau. Der Textfluss kennt kein Ziel – schließlich ist das Problem nicht gelöst und bleibt die letzte Frage unbeantwortet: „Bist du auf meiner Seite?“ Das Stück ist (An-)Klage und Zustandsbeschreibung. Dabei spricht es für die Autorin, dass sie die Kurzbiografie von Pornodarstellerin Sexy Cora, die bei ihrer fünften Brust-OP starb, ebenso respektvoll schildert wie etwa jene der Barockmalerin Artemisia Gentileschi, die gefoltert wurde, nachdem sie vor Gericht zu ihrer Vergewaltigung aussagte.

Enis Maci schrieb „Wunde R“ im Auftrag der Kammerspiele

In der einstündigen Inszenierung sitzen die Schauspielerinnen Zeynep Bozbay, Eva Löbau und Julia Windischbauer sowie ihr Kollege Vincent Redetzki um den mit durchsichtiger Göttinnenspeise beladenen Tisch. Elke von Sivers hat sie in völlig überzeichnete Outfits gesteckt, die freilich in den Weiten des Internets und der Sozialen Netzwerke kaum als Karikaturen wahrgenommen werden. So präzise der Aufbau angeordnet ist, so exakt arbeitet sich das Quartett durch den Text. Das Objekthafte, Distanzierte von Menschen und Einrichtung, die im Lauf des Abends immer mehr ausgeleuchtet werden, wird verstärkt durch die Verzerrung der Stimmen. Darum kümmert sich Ville Haimala, dessen passende Soundcollagen das einzig wirklich Lebendige zu sein scheinen.

„Oracle“ ist eine absolut individuelle Erfahrung

Dagegen atmen und pulsieren bei „Oracle“ selbst die Wände und der Boden. Regisseurin Susanne Kennedy, der Bühnenbildner Markus Selg und sehr viele, sehr kreative Profis in Sachen Technologie, Robotik und Künstliche Intelligenz haben diesen gut 40 Minuten langen Parcours in die Kammer 2 gebaut. Die Inszenierung ist eine absolut individuelle Erfahrung: Man wird einzeln durchgeführt und ist schließlich allein mit dem Orakel, dem man drei Fragen stellen darf. Nicht zuletzt liegt es an einem selbst, wie nah man dieses Erlebnis an sich heranlässt.

Freilich kann man die Installation abtun als explodierter Farbrausch, Eso-Trip, als begehbares Computerspiel und Geisterbahn für Seelenklempner. Doch egal, wie sehr man sich vorgenommen hat, nüchtern-distanziert auf das Gezeigte zu blicken – „Orcale“ will, dass man sich einlässt, auch ausliefert. „This isn’t someone else’s History. It’s your own“, heißt es zu Beginn, nachdem man von einer Kamera gescannt wurde – dann holen einen die Sirenen (Marie Groothof, Thomas Hauser und Ixchel Mendoza Hernandez) ab (bedrohlich? freundlich?) und der Spaziergang ins eigene Ich beginnt. Wie tief man steigen mag (Vorsicht bei den optischen Verwirrspielen an Boden und Wänden!), ist jedem selbst überlassen.

Was am Ende bleibt, sind weniger die Antworten des Orakels, sondern ist vielmehr das Staunen über die technische Perfektion und das präzise Zusammenspiel von Menschen, Kameras, Computern bei der Erschaffung dieser knallbunten Psychowelt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Allein unter Fans: Klagt Kulturszene gegen Corona-Bestimmungen?
Nur 100, bald vielleicht 200 Besucher in einem Konzert: Bayern geht einen hochumstrittenen Sonderweg. Veranstalter denken nun an Klage.
Allein unter Fans: Klagt Kulturszene gegen Corona-Bestimmungen?
Franz Welser-Möst: „Wir sitzen auf zu hohem Ross“
Franz Welser-Möst: „Wir sitzen auf zu hohem Ross“
J.K. Rowling beklagt sich in offenem Brief über „intolerantes Klima“
Der „Harry Potter“-Autorin wird Transfeindlichkeit vorgeworfen. J.K. Rowling reagiert mit einem offenen Brief, indem von einer „erstickenden Atmosphäre" die Rede ist.
J.K. Rowling beklagt sich in offenem Brief über „intolerantes Klima“

Kommentare