Anbetung für Anbetung

- "Er habe sie noch nie so geliebt wie in diesem Augenblick. In diesem Augenblick, sagte sie, wieso denn das. Es ist der Augenblick der Liebe, sagte er. Verstehst du? Nein, sagte sie. Gut, sagte er, küßte sie überall hin, nur nicht auf den Mund . . ."

<P>Gottlieb Zürn, den Autor Martin Walser für seinen neuen Roman "Der Augenblick der Liebe" wieder hervorgeholt hat ("Das Schwanenhaus", "Die Jagd"), liebt seine Anna inniglich, existenziell, unzerreißbar. Aber dennoch ist er vor fremden weiblichen Anfechtungen nicht gefeit und zitiert nach dieser Liebeserklärung zynisch die Haager Landkriegsordnung. Dort nämlich sei die Feindbehandlung ordentlich geregelt, aber "für den Kampf zwischen zwei Menschen, etwa einem Mann und einer Frau, gibt es keine Bedingungen, die eingehalten werden müssen, keine Grenze der Grausamkeit oder Gemeinheit."<BR><BR>So weit lässt es Martin Walser, dessen Buch nicht mehr bei Suhrkamp, sondern bei Rowohlt erscheint, nicht kommen. Seine lebensrealistische, ja fast boulevardeske Sicht - siehe den flockigen Pingpong-Dialog oben - erlaubt nur ein bisschen Grausamkeit und Gemeinheit. Vor allem weil er seinen Gottlieb Zürn, der sich auch mal Wendelin Krall oder, als frisch Verliebter, Sylvandre tituliert, nicht zum Helden aufbaut. Der ist ein Alltagsmensch. Und weil gerade der für den Autor interessant ist, findet er im seichten Wässerchen seiner Banalität spannende Untiefen. Auch wenn Martin Walsers Sympathien seinem Zürn, jenem bodenseeischen Hausmann, gescheiterten Immobilienmakler und essayistisch pfiffigen Privatgelehrten, gelten, kommt das männliche Geschlecht im "Augenblick der Liebe" schlecht weg.<BR><BR>Gottlieb-Wendelin-Sylvandre nervt, weil er sich nicht zwischen Anna und der Jungakademikerin Beate entscheiden kann. Die US-amerikanischen Uni-Männer sind sowieso unsympathisch, und die Anhängsel der vier Zürn-Töchter werden aus Papas Sicht als Parasiten geschildert.<BR><BR>"Die Ehe ist eine Hölle, aber als Teufel mit einem Engel verheiratet zu sein, ist durchaus erträglich."<BR>Martin Walser</P><P>Er merkt allerdings nicht, dass diese Beschreibung auch auf ihn zutreffen könnte. Er ist nun einmal selbstgefällig, obwohl/gerade weil er sich in Selbstzerfleischung gefällt. "Die Ehe ist eine Hölle, aber als Teufel mit einem Engel verheiratet zu sein, ist durchaus erträglich. Draußen schien die Sonne und ließ alles Nasse gleißen. Gottlieb dachte: Ich bin wie die Sonne, es genügt, daß ich scheine."<BR><BR>"Graduate Studentin erschießt deutschen Referenten, sagte sie in der Tonart, in der sie immer ihre Schlagzeilen intonierte. Er mußte mitspielen, also sage er: Grund? Sie: Rohes Vergessen des Augenblicks der Liebe." Eigentlich hatte sich doch für Zürn alles Sehnen nach der Doktorandin erfüllt. Er war bei ihr in der Neuen Welt, wo sie unterrichtet und ihre Dissertation über den französischen Philosophen La Mettrie verfassen will. Aber in der Konkretisierung der Liebe zerstiebt die Schwärmerei.<BR><BR>Die wurde vor Monaten angefacht, als Beate die Zürns am Bodensee aufsuchte. Anlass: Gottliebs alter Text über La Mettrie. Ihre Anbetung des 40 Jahre Älteren löst seine Anbetung für sie aus. La Mettrie, der Sylvandre und Thé´mire erfand, fungiert als intellektueller Kuppler, mit dessen Hilfe sich das ungleiche Paar in einen Sehnsuchtsrausch steigert. In diesen sind sie eigentlich verliebt, weniger ineinander.<BR><BR>Für Walser die beste Gelegenheit zu Herzens- und Brunft-Tollheiten, Altersseufzen und Weiberklagen, zu Ironie-Kapriolen und humoristischen Episoden, boshaften Karikaturen, wunderschönen Naturimpressionen, aber auch zu philosophischen Überlegungen. "Daß einer kurz vor 1750 vollkommen Schluß gemacht hat mit dem Sprachschwindel hie Körper, da Seele, daß ihn seitdem keiner übertroffen hat in der Fähigkeit, sich, uns alle, den Menschen als eins, als ein Einziges zu erleben, und nicht nur den Menschen,. . ., alles ist eins, . . ."<BR><BR>Für Beate und Gottlieb hat dieser Mann vorgedacht, was sie gerne wären: unangepasst; einfach mal das machen, was man gerade möchte - ohne Rücksicht auf andere. Walser breitet dieses Dilemma, das man der Jugend, jedoch nicht einem fortgeschrittenen Sechziger zubilligt, zwischen Melancholie und Spott aus. <BR><BR>Dieses Ankämpfen gegen Schuldgefühle wird Zürn allerdings auch ganz unerotisch ausgelegt. Bei der amerikanischen La-Mettrie-Tagung, zu der ihn Beate eingeladen hat, greift ein Dozent den Mann vom Bodensee heftig an. Er wolle mit dieser Philosophie, "den Deutschen einen Freispruch erschwindeln". Eine plötzlich eiskalte Szene, in der Walser die harsche Debatte über seine Friedenspreis-Rede nachdenklich reflektiert.<BR><BR>Und noch etwas anderes beschäftigt den Schriftsteller wohl ganz persönlich: das Alter. Neben dem Ur-Thema der Liebe ist es das Schmerz-, manchmal auch das Scherz-Thema in Martin Walsers neuem Roman. Wie noch feurig sein und romantisch, wenn man auf die 70 zugeht, wie sich bei der leidenschaftlichen Umarmung gebärden, wie bei den Zumutungen der Hormone, der Gefühle? Eine richtige Antwort gibt es nicht, lehrt "Der Augenblick der Liebe", aber ein immerwährendes Angebot.<BR><BR>Das macht Beate Gottlieb am Anfang der Geschichte, das zitiert Anna am Ende: "Und Anna: Es gibt nichts, wofür man nicht bestraft werden kann. Und Gottlieb: Aber die Möglichkeiten klirren. Und Anna: Wenn Sie so wollen. Und Gottlieb: Ich will."</P><P>Martin Walser: "Der Augenblick der Liebe". <BR>Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 254 Seiten; 19,90 Euro.<BR>Der Roman ist ab morgen im Buchhandel erhältlich.<BR><BR></P>

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