Treffen im Literaturhaus

Andere Bücher braucht das Land

Die besondere Kunst-Idee: „Münchner Frühling“ beim „Markt der kleinen, unabhängigen Verlage“

Es sind mindestens 3,5 Tonnen: Lyrik, Roman und Bilderbuch zusammengerechnet. So viel Literatur haben Ricarda Solms und Steven Uhly mit ihrem Münchner Frühling Verlag bereits produziert. Sie wissen das so genau, weil sich diese Menge bei ihrem Vertrieb in Berlin stapelt und hohe Lagerkosten verschlingt, weshalb die beiden Verleger über einen Transport nach München nachdenken. Seit 2006 gibt es das kleine Unternehmen, das in der Maxvorstadt in einem gemütlichen Ladenlokal residiert, wo schöne Plakate und Gedichtausdrucke die Wände zieren.

Zusammen mit 28 anderen Büchermachern und einer Reihe von Illustratoren nimmt es am „Markt der kleinen, unabhängigen Verlage“ teil, den das Münchner Literaturhaus am Wochenende veranstaltet: ein Branchentreff und eine Publikumsschau mit dem Appell „Andere Bücher braucht das Land“. Geht man in die großen Buchhandlungen, gewinnt man gewöhnlich den Eindruck, der Buchmarkt müsse restlos unter Konzernen und hehren, alten Verlagshäusern aufgeteilt sein. Aber auch die fingen einmal klein an, mit Leseleidenschaft, Erfinderlaune und viel Enthusiasmus.

Heute geht das zum Beispiel so: Ricarda Solms, Journalistin und freie Lektorin, und Maria Neophyto, eine Grafikerin, wohnten im selben Haus und befanden sich als alleinerziehende Mütter in der gleichen Situation. Sie wollten ein bisschen mehr aus ihrem Alltag machen, „als pünktlich um 11.20 Uhr liebevoll die Kinder entgegenzunehmen“, wie es Solms beschreibt. „Wir hatten einen Überschuss an kreativem Potenzial und bastelten zusammen Kalender und Websites.“ Der zu jenem Zeitpunkt herrschenden Jahreszeit entsprechend nannten sie ihren unternehmerischen Aufbruch „Münchner Frühling“.

Kurze Zeit später kam Solms’ Mann Steven Uhly aus Brasilien, wo er gelebt und selbst viel geschrieben hatte, mit einer Idee zurück: Gedichte einzeln zu vermarkten, ähnlich einem Roman. „Weil ein Gedicht unter hunderten leicht untergeht“, sagt Solms. „So wie man früher sein Lieblingslied als Single besaß oder sich heute einen einzelnen Song aus dem Internet herunterlädt, so sollte auch das Gedicht als Kunstwerk zur Geltung kommen. Schließlich kann man Gedichte nicht en masse lesen“, sagt die umtriebige Verlagsfrau. „Wir kämpfen für die Befreiung des Gedichts aus der Knechtschaft des Buches“, ergänzt lachend Steven Uhly. Und damit war die eigene Edition geboren: „einmaleingedicht“ wurde sie getauft, ein Name, der auch dieses „Es war einmal...“ der mündlichen Erzähltradition enthält. „Schöner als ein Gedicht zu lesen ist nämlich nur, es zu hören“, sagt Solms.

Aus diesem Grund besteht „einmaleingedicht“ aus einer CD, auf der entweder der Dichter wie Erich Fried oder Oskar Pastior oder eine Schauspielerin wie Sophie von Kessel das Gedicht lesen, welches auf der unifarbenen Hülle abgedruckt ist. Die ist länger als eine gewöhnliche CD-Verpackung, die Solms schlicht „unsexy“ findet. Ein tolle Geschenkidee – sollte man meinen. Doch ohne großen Werbeetat erstaunlich schwer zu vermarkten. Denn der Platz an der Kasse, in den dicht bepackten Buchhandlungen der ideale Präsentationsort, ist heiß umkämpft. „Wir fühlten uns wie die Staubsaugervertreter, wenn wir bei den Händlern anriefen“, beschreibt Solms. Auch wenn die Kalkulation die anfängliche Euphorie zu überwiegen begann, ließen sich die drei Visionäre nicht beirren. Ein Bilderbuch entstand, und für eine kunstvoll illustrierte Ausgabe erotischer Texte von Goethe durften sich die Gedichte ausnahmsweise auch wieder ins Buch knechten lassen.

Inzwischen ist sogar der erste Roman auf dem Markt: „Die Insel der Göttin“, eine Familienchronik der Taiwanesin Jade Y. Chen, die in München lebt und in ihrer Heimat mit ihrem Buch viel Erfolg hatte. Stolz wird auf dem Umschlag vermerkt, dass der Asienkenner Tilman Spengler die „meisterliche Erzähltechnik“ lobt. Mit diesem Fürsprecher hatte der Verlag endlich Glück. Denn Oskar Pastior, der „einmaleingedicht“ wunderbar fand, starb, ehe er etwas für die neue Edition tun konnte. Ebenso wie die Fernsehsendung von Elke Heidenreich, die doch Jade Y. Chen als „interessante Grenzgängerin“ präsentieren wollte.

Auf dem Büchermarkt nun stellt der Verlag sein neues Erscheinungsbild vor, nachdem die Grafikerin inzwischen eigene Wege geht. „Wir werden immer ein Bastelladen bleiben“, sagt Solms. „Aber wir werden künftig formale Dinge wie die Gestaltung nach draußen geben, damit wir uns stärker auf die Inhalte konzentrieren können.“ Auch ein Logo wurde auf diese Weise gefunden. Es ist, wie könnte es anders sein: ein Schmetterling. So kann der Bücherfrühling mitten im Winter bereits beginnen.

von Christine Diller

Literaturhaus:

am Samstag von 11-20 Uhr und Sonntag 10-18 Uhr; Eintritt frei.

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