Des anderen Narr

Henning Mankells neuer Afrika-Reigen: - Hineingestoßen in eine verwirrend fremde Welt, überwältigt von der Fülle der Sinneseindrücke. Gelähmt von der Melancholie, zugleich gebannt von der ungeheuren Lebendigkeit dieses Kontinents: Als ob man zusammen mit Henning Mankell bei seinem ersten Besuch 1972 in Afrika in das heiße Chaos gestürzt würde, so fühlt sich der Beginn seines Romans an.

Der schwedische Kriminal- und Theaterautor verbringt inzwischen fast die Hälfte seiner Zeit in Mosambik und hat seinen Afrika-Büchern nun "Die flüsternden Seelen" hinzugefügt. Fast 25 Jahre lang habe er daran geschrieben, bekennt er im Vorwort. Entsprechend üppig muss seine Materialsammlung gewesen sein, und entsprechend groß ist sein Streben nach Allgemeingültigkeit. Und daran krankt der umständliche Anfang seines später faszinierenden, mitreißenden Erzählreigens.

Selbst nachdem der gefühlige Prolog mit seinem Sammelsurium von Erinnerungen, Visionen und Bildbeschreibungen überwunden ist, klärt sich noch lange nicht, wo wir uns befinden, wer erzählt und zu welchem Zeitpunkt. Möglicherweise ist dieses assoziative Sich-treiben-lassen einer ungewohnten, außereuropäischen Erzähltradition geschuldet. Erst allmählich lässt sich eine Struktur in diesem Netz erkennen: Zumeist erzählt der alte Felisberto, teils aber auch sein Sohn dem Gast Mankell nachts am Feuer von markanten Persönlichkeiten ihrer Verwandtschaft. Und meist steht eine Nebenfigur der einen Erzählung im Mittelpunkt der nächsten.

Da ist zunächst Felisberto selbst, der einst Dona Elvira und Dom Estefano gedient hat. Bis die beiden Weißen, vermutlich Anfang der 70er-Jahre, während der Befreiungskämpfe des nicht näher bestimmten ostafrikanischen Landes zu fliehen versuchten. Felisbertos letzte Tage bei dem Paar zeichnen sich durch besondere atmosphärische Dichte aus: Es ist die Zeit der politischen Ungewissheit, als der rassistische Estefano kurz vor der Einschiffung das Zeitliche segnet und Elvira, die sich immer an Felisbertos Körper wärmen durfte, todkrank doch noch die Reise antritt.

Leider vermischen sich auch hier schnell die Perspektiven des Fremden und der Einheimischen, allerdings zugunsten von ganz erhellenden Kommentaren: "Die Weißen waren mit dem Gebot angekommen, ein würdiges Leben bedeute, die Handlungen eines jeden fortlaufenden Prüfungen zu unterwerfen. (...) Da dies für Afrikaner eine vollkommen unbegreifliche Haltung gegenüber dem Leben war, dem von Anfang an vorbestimmten Raum zwischen Leben und Tod, zwischen Geburt und Wiederkehr in die Geisterwelt, hatten die Weißen und die Afrikaner einander von vornherein gegenseitig als Narren betrachtet."

Weiter geht es mit Felisbertos Frau Deolinda, die erst dann die Gewissheit hat, ein Mensch zu sein, als sie immerhin für wert befunden wird, ins Gefängnis zu kommen. Sie war verbotener Weise ohne Schuhe in die Stadt gegangen. Und nun nimmt der bunte Reigen an Fahrt auf. Mit ihrer Schwester Belina, die als Hure ein besseres Leben führt, bis die Befreier ihr die Freiheit nehmen, sich zu verkaufen. Es folgen Marta, die bei der Feldarbeit von einer Mine zerrissen wird; Lukas, der einem teuflischen Pfandleiher in Frankreich zum Opfer fällt. Oder die verkrüppelte Peina, die monatelang auf Knien an die Küste rutscht, um einmal das Meer zu sehen und in den Wellen zu "tanzen".

Lauter kleine, erstaunliche Märchen mit Geistern und Traumgesichten reihen sich aneinander. Über allem aber schwebt die tote Ahnfrau Samima, die ihre Nachkommen beschützen will und so in fast allen Geschichten vorkommt. Eine kostbare Essenz ihrer Wahrheiten hat Mankell mit diesem Buch für seine Leser gewonnen.

Henning Mankell: "Die flüsternden Seelen". Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 256 Seiten; 21,50 Euro.

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