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André Bücker kommt vom Theater Dessau.

Interview mit dem neuen Intendanten

André Bückers Pläne für Augsburg 

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Augsburg – Umbruch am Augsburger Theater: Das Stammhaus wird saniert, und André Bücker wird neuer Intendant. Starten will er im Herbst mit Webers „Freischütz“. Zudem plant der 48-Jährige Verdis „Macht des Schicksals“, die Oper „Solaris“, im Schauspiel „Peer Gynt“, „Viel Lärm um nichts“ – und einen Augsburger „Tatort“. Seinen ersten Spielplan präsentiert Bücker am 26. April. Wir trafen ihn vorab zum Gespräch.

Vor einiger Zeit gab es noch vereinzelte Proteste gegen die Sanierung. Auch andernorts regt sich in der Bevölkerung Unmut angesichts solcher Projekte. Ist das eine Zeiterscheinung?

André Bücker: Natürlich haben die Bürger das Recht, bei 180 Millionen Euro Sanierungs- und Neubaukosten Fragen nach den Hintergründen zu stellen. In Augsburg ist der Prozess mittlerweile unumkehrbar, daran kann, gerade nach dem gescheiterten Bürgerbegehren, nicht mehr gerüttelt werden. Aber Sie haben Recht: Es ist eine Zeiterscheinung, dass man immer und grundsätzlich bezweifelt, ob die Politik richtig liegt mit ihren Entscheidungen. Und es gibt das Phänomen, dass man glaubt, sich über Google und Soziale Netzwerke besser informieren zu können, um darauf seine Meinung aufzubauen. Deshalb muss man mit guten Argumenten dagegenhalten. Und diese gut kommunizieren.

Sie waren zuvor Intendant am Nordharzer Städtebundtheater und in Dessau. Ist Augsburg im Vergleich dazu ein Theaterschlaraffenland?

André Bücker: Die Probleme, über die man sich in Augsburg den Kopf zerbricht, hätte ich tatsächlich gern an meiner bisherigen Wirkungsstätte gehabt. In Bayern werden keine Theater infrage gestellt, im Gegenteil. In Augsburg engagiert sich die Politik massiv fürs Theater. Und gerade in der Umbausituation zieht das Publikum sehr gut mit. Trotzdem erwachsen daraus keine zusätzlichen künstlerischen Vorteile: Das, was auf der Bühne stattfindet, muss gut sein. Die Leute drücken vielleicht eine gewisse Zeit die Augen zu und entschuldigen vieles mit der Renovierung. Aber dann muss bar bezahlt werden. Ich will auf gar keinen Fall ein „Ist-ja-trotzdem-ganz-nett-Theater“ haben. Ich möchte künstlerisch satisfaktionsfähig sein.

Was geht in Augsburg nicht? Und wohin wollen Sie dieses Theater entwickeln?

André Bücker: Hier geht grundsätzlich alles. Es gibt einen tollen großen Publikumsstamm und eine starke Zugewandtheit zum Theater – auch bei Sperrigem. Wenn man allein das Musiktheater in meiner ersten Saison anschaut, zeigen wir sechs Werke, drei davon sind von lebenden Komponisten. So etwas werden wir sicher weiterentwickeln – neben dem großen klassischen Repertoire.

Haben Sie jemals für sich an den Status „Umbauintendant“ gedacht?

André Bücker: Ich stellte mir eher die Frage, ob ich nach den Dessauer Jahren wieder Intendant sein oder als freier Regisseur umherziehen will. Augsburg passt ganz gut zu meiner Einstellung, dazu, wie ich über Theater denke. Ich meine damit auch den Bürgerbeteiligungsprozess bei der Sanierung. Der Plan, das Theater zur Stadtgesellschaft noch mehr zu öffnen und neue Spielorte einzubeziehen, reizt mich. Außerdem bin ich ein Fan von Umbruchsituationen.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass diese Öffnung bislang fehlte.

André Bücker: Das hat die Stadt wohl so gesehen. Dies beinhaltete explizit auch die Ausschreibung für meine Position.

Sie sind ein regieführender Intendant. Fühlen Sie sich als Teil einer aussterbenden Spezies?

André Bücker: Nein, es existieren ja noch einige von uns. Abgesehen davon gab und gibt es herausragende Intendanten, die nicht Regie führten wie Klaus Zehelein, Frank Baumbauer oder Ulrich Khuon. Als Künstlerintendant ist man allerdings sehr nahe an den Gewerken eines Theaters dran. Man kennt sich quasi im Maschinenraum des Hauses aus.

Passieren Ihnen Ihre Positionen? Oder sind Sie ein Fan von Lebensplänen?

André Bücker: Ich mach’ mir schon einen Plan. Mit 25 habe ich gesagt, dass ich mit 35 Intendant sein will. Und das hat auch geklappt. Ich bin immer jemand gewesen, der gern gestalten und Verantwortung übernehmen möchte. Intendant sein bedeutet ja letztlich Inszenieren im großen Rahmen. Das ist eine Gestaltungsarbeit, die auch politische Wirkung entfaltet. Ich glaube an das Wort von der „moralischen Anstalt“ des Theaters. Was ich nicht will, ist eine Monokultur am Haus. Ich selbst will pro Saison nur zwei Inszenierungen beisteuern, eine im Musiktheater, eine im Schauspiel.

Im Schauspiel bewegt sich mancherorts die Inszenierungsästhetik weg zum Performativen. Gibt es Grundzutaten für eine Theateraufführung?

André Bücker: Ich glaube, dass man eine Geschichte erzählen muss. Dies wiederum kann man auf unendlich viele verschiedene Weisen tun. Ich glaube außerdem ans Ensemble- und ans Repertoiretheater. In Augsburg wurde zuletzt mit einem kleinen Schauspielensemble und vielen Gästen gearbeitet, das werde ich verändern. Das bringt einen größeren Identifikationsfaktor fürs Publikum.

Wie fühlt sich die Situation an, einer Intendantin nachzufolgen, die gern geblieben wäre?

André Bücker: Die ist wohl ähnlich wie für meinen Nachfolger in Dessau. Ich kenne Juliane Votteler schon lange. Sie war die Erste, die mir gratulierte. Sie hat mir sofort enge Kooperation angeboten. Unser gutes Verhältnis hat in keinster Weise gelitten. Das finde ich toll, sehr kollegial und sehr professionell.

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