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Schlicht und ohne billigen Lustmord-Kitzel hat Michael Stacheder „Kalteis“ inszeniert. Sein Junges Schauspiel Ensemble agiert mit unverbrauchter Qualität.

Andrea Maria Schenkels „Kalteis“ - Premierenkritik

Haar - „Kalteis“ – die Geschichte des 1939 hingerichteten Münchner Frauenmörders Johann Eichhorn. Das Erschreckende an dieser Uraufführung: unser Bewusstsein, dass solche Sexualverbrechen immer wieder begangen werden.

Es gibt keine Prävention, keine Heilmittel. Das Positive an dem Abend: Michael Stacheder hat Andrea Maria Schenkels zweiten (Kriminal?-)Roman aus dem Jahr 2008 (Bearbeitung: Anna Wenzel) sehr gut inszeniert. Klar, schlicht, ohne billigen Krimi- oder Lustmord-Kitzel. Und sein Junges Schauspiel Ensemble München, seit 2010 beheimatet im Kleinen Theater Haar, spielte mit einer unverbrauchten Qualität, die uns drei Stunden hellwach-aufmerksam hielt.

Man braucht allerdings für dieses dialogkarge Stück eine Eingewöhnungsphase: Wie in ihrem gleich so erfolgreichen Erstling „Tannöd“ (2006) lässt die Autorin die Geschichte im Rückblick aus Zeugenaussagen und Protokollen entstehen. Und die funktionieren hier als monologische Selbst-Charakterisierungen und Erinnerungen. Je öfter die Figuren in eine dialogische Gegenwart wechseln, umso fühlbarer wird das Spiel. Zum ersten Mal unmittelbar hineingezogen wird man in den Auseinandersetzungen zwischen Josef Kalteis und Ehefrau Walpurga, packend gespielt von Ulrike Dostal. Sie durch Schwangerschaft in diese gewalttätige Ehe gezwungen. Er immer wieder daraus ausbrechend – mit Vergewaltigungen und Morden. Eine schwierige Rolle. Dumpf, wie neben sich stehend, macht Joachim Aßfalg diese Figur in etwa greifbar. Und Regisseur Stacheder unterstützt, in aller Dezenz, mit starken Körperbildern.

Was man begreifen, zumindest akzeptieren muss, ist, dass Schenkel/Stacheder, ohne Parteinahme, ohne Wertung, auf die unterschiedlichen Welten der Gesellschaft schauen: Hier die Mordlust des Triebtäters. Da die hoffnungsvollen Frauen, die in der Großstadt München ihr Glück suchen oder mit einem Mann bereits gefunden haben – und als Leiche enden. Durch Nina Bernreuther, Ulrike Dostal, Marlen Poebing und Theresa Hanich als wunderbar lebensbejahende Kathie werden diese Frauenschicksale lebendig. Berühren.

Das Stück ist textlastig, da beißt die Maus keinen Faden ab. Deshalb achtete Stacheder besonders auf Sprache, ob Hochdeutsch, ob Bairisch oder auch Hessisch. Bühne und Kostüme (Mark Späth und Aylin Kaip) geben schönes Lokalkolorit: Ein sich öffnender Kubus, ausstaffiert mit strahlenförmig aufragenden Biergartenbänken, ist Kirche und zünftiges Wirtshaus, wo sich die Mädchen und Burschen in schicken Strickjacken der Dreißiger- und Vierzigerjahre vergnügen. Stefan Straubinger begleitet das Geschehen am Bühnenrand an Drehleier und Bandoneon mit dramatisch-atmosphärischen Klängen, swingenden Tänzchen und Liedern, in die die feierfröhliche Gesellschaft einstimmt. Beiläufig klingt auch der zeitgeschichtliche Hintergrund, die Nazi-Zeit, an.

Was ungewohnt ist an diesem „Kriminalstück“: Es gibt nicht die generell erwartete Spannung, weder Kausalität noch sonst einen Sinn-Zusammenhang. „Kalteis“ ist so etwas wie ein Sittengemälde. Das verstört – ist aber vielleicht die Absicht.

Malve Gradinger

Nächste Vorstellungen heute sowie 3. und 25. März;

Telefon 089/ 890 56 98 13

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