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Regisseur Andreas Kriegenburg

Andreas Kriegenburg macht Kino für die Ohren

München - Münchens Musikszene blickte nach Frankfurt, wo „Tosca“ Premiere feierte: Denn Regie führte Andreas Kriegenburg, der an der Bayerischen Staatsoper 2012 Wagners „Ring“ inszenieren wird.

Die drei ersten Akkorde unterstreichen, wohin Kirill Petrenkos Reise an diesem Abend geht. Mit musikalischer Brachialgewalt stürzt er sich in das Geschehen, schafft sofort eine Atmosphäre atemloser Spannung für eine Oper, die mit ihrer Mischung aus romantisch-naiver Liebesträumerei, morbid-sadistischer Sexualität und politischer Gewalt ein packender Thriller für die Leinwand hätte werden können. Kino für die Ohren eben. Und Petrenko ist der Regisseur. Die Musik entwickelt eine unwiderstehliche Sogwirkung, ist in einem Augenblick nervenaufreibend, im nächsten von jener Melodienseligkeit getragen, die Puccini für alle Zeiten einen Stammplatz in den Opern-Hitparaden sichert.

Weitere Vorstellungen am 21., 23., 27., 29. Januar;

Telefon 069/ 212 49 494.

Petrenko gelingt mit einem punktgenau reagierenden, agierenden Orchester eine sehr plastische und dramatisch aufgeheizte Wiedergabe. Die steht fast ein wenig im Kontrast zur szenischen Umsetzung durch Andreas Kriegenburg. Dessen erste Opernregiearbeiten liegen noch gar nicht so lange zurück. In Frankfurt freut man sich über die detaillierte, sehr sensible, in kleinste Gesten verliebte und am Sprechtheater geschulte Personenführung, die der Oper jede verlogene, gestelzte, unglaubwürdige Theatralik austreibt. Kriegenburg erzählt die dramaturgisch überaus dichte, historisch genau zu fixierende und auf einen Zeitraum von gut 24 Stunden begrenzte Geschichte sehr eng an der Vorlage entlang. Er vertraut dem Theatergenie Puccini, und er vertraut der Wirkung des von Harald Thor geschaffenen Bühnenbildes.

Dies zeigt zunächst eine einschüchternde moderne Kirche, deren Rückwand im Verlauf des zweiten Aktes nach unten geklappt wird. Doch diese Offenheit ist von kurzer Dauer. Immer beklemmender wird es um die Personen, immer weniger Luft bleibt ihnen. Vor allem im zweiten Akt: Unten bedrängt der von seiner Begierde getriebene Scarpia Tosca, im Stock darüber wird deren Geliebter Cavaradossi von den Schergen des Polizeichefs brutal gefoltert. Ständig fließt Theaterblut, Rot ist die Leitfarbe dieser Inszenierung: an den Handschuhen Toscas und Scarpias, in den von Tanja Hofmann stammenden Kostümen für die Polizeitruppe. Im dritten Akt schließlich wandelt sich die Bühne zum letzten Mal: Tosca sitzt nun in jenem Glashaus, in dem man keine Steine werfen sollte. Ihren Geliebten konnte sie nicht retten, durch die Scheiben wird sie von einer aufgehetzten Meute des Mordes an Scarpia angeklagt.

Blut klebt nun auch an ihren Händen. Sopranistin Erika Sunnegårdh gibt Tosca ein sehr intensives Profil. Ihr Spiel macht die Entwicklung von der so naiv gläubigen wie blauäugig liebenden Frau zur sich wehrenden Rächerin nachvollziehbar. Im Mord an Scarpia begehrt sie gegen jene Ordnung auf, der sie zu Beginn noch blind folgt. Sieht man von einigen Schärfen in der Höhe ab, konnte sie im Unterschied zu Jason Howard als Scarpia auch stimmlich überzeugen. Ihm mangelte es an Durchsetzungsvermögen, stimmlich konnte er die Brutalität der Figur nicht beglaubigen. Tenor Aleksandrs Antonenko als Cavaradossi hatte offensichtlich mit einer – nicht angekündigten – Indisposition zu kämpfen. Jedenfalls schlug er sich ständig mit lästigem Husten herum, was allerdings nur zu Beginn seiner Arie „Recondita armonia“ im Eröffnungsakt unangenehme Konsequenzen hatte. Ansonsten begeisterte er mit einer strahlenden, wirkungsmächtigen Stimme, gerade auch bei den Spitzentönen.

Von Frank Pommer

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