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Thomas Loibl spielt Macbeth am Münchner Residenztheater.

Interview zur Premiere im Münchner Residenztheater

„Macbeth“ - oder die „Rückkehr unterkomplexer Männer“

München - In München ist Andreas Kriegenburg immer irgendwo präsent. Sei es an der Oper mit seinem „Ring“, sei es an den Kammerspielen, die seine „Maria Stuart“ zeigen. Jetzt zieht das dritte große Haus nach: Im Residenztheater hat an diesem Freitag Kriegenburgs Inszenierung von Shakespeares „Macbeth“ Premiere. Wir trafen den 53-Jährigen vorab zum Gespräch.

Sie haben „Macbeth“ vor Jahren in Hamburg inszeniert. Ist Ihre Sicht auf das Stück heute verändert?

Andreas Kriegenburg: Ja, völlig. Mir ist aufgefallen, dass da eine Gesellschaft gezeigt wird, in der allen alles misslingt. Man hat hier nur – ich will nicht sagen „Luschen“, aber alle stellen ständig Pläne auf, und keiner dieser Pläne funktioniert; dann machen sie neue Pläne, und die funktionieren wieder nicht. Zu sehen ist, böse formuliert, ein einziger Reigen von Inkompetenz. Was wohl auch daran liegt, dass alle Beteiligten in einem System von Gewalt groß geworden sind, in dem sie bloß in ganz engen Schienen denken können. Sie gehen alle von Fehler zu Fehler zu Fehler – und erkennen zu spät: Sobald ich ins Blut gehe, steh ich eben auch im Blut.

Was geht uns denn diese blutrünstige Geschichte vom Königsmörder Macbeth noch an?

Andreas Kriegenburg: Ich weiß nicht, wie er’s macht, aber Shakespeare schafft es jedes Mal, zu der uns jetzt gerade umgebenden Zeit einen Kommentar anzubieten. Wir erleben ja heute ganz grell, wie in Amerika die sogenannte weiße Oberschicht gar keine Skrupel mehr hat und sagt: „Jetzt besetzen wir alle Positionen.“ Das, was vorher war an Liberalismus, das nehmen die nun wieder zurück, die Elite stellt sich vorne hin und kaschiert ihre Gier gar nicht mehr.

Aber funktioniert Macht- und Gewaltausübung heute nicht viel komplexer, viel bürokratischer als in diesem Stück?

Andreas Kriegenburg: Das haben wir gedacht, ja. Und plötzlich haben wir jemand in den USA im Oval Office, der überhaupt nicht komplex ist. Genauso in der Türkei, in Russland und anderswo. Wir erleben ja die Rückkehr der unterkomplexen starken Männer. Und selbst in Deutschland rufen Teile der Gesellschaft nach so einem starken Mann, etwa die AfD. Man kann sich nur wundern.

Und Sie meinen, das ist alles schon bei Shakespeare drin?

Andreas Kriegenburg: Man erschrickt direkt, wie treffend da Shakespeares düsteres Menschenbild ist, demzufolge wir nur einen kleinen Anstoß von außen brauchen, um jegliche Stabilität von Humanismus, der in uns ist, zu verlieren. Das Dilemma für Macbeth ist ja auch, dass das Stück so schnell geht, er hat gar keine Zeit durchzuschnaufen, einen Schritt zurückzutreten und erst mal zu überlegen. Er ist vielmehr ständig unter Druck. Ab der zweiten Szene wird immer nur gezeigt, wie er der Situation hinterherläuft. Was an dem Stück oft unterschätzt wird, ist eben seine Geschwindigkeit.

Wird sich diese Geschwindigkeit auch in der Inszenierung zeigen?

Andreas Kriegenburg: Wir haben zum Glück eine Bühne von Harald Thor, die dem Stück sehr nahe kommt, weil sie ganz weiche, aber auch ganz schnelle Übergänge möglich macht. Es gibt keine großen Umbauten, man wird erstaunt sein, wie schnell es geht. Nicht etwa, weil die Schauspieler so schnell sprechen würden, sondern weil die Szenen so direkt ineinandergreifen.

Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen Ihren Opern- und Theaterinszenierungen?

Andreas Kriegenburg

Andreas Kriegenburg: Man kann es fast nicht miteinander vergleichen. Das ist wie bei zwei verschiedenen Büchern, die die gleiche Geschichte erzählen, aber jeweils eine ganz andere Sprache haben. Die Zwänge oder die Orientierung, die in der Oper durch die Komposition vorgegeben sind, die können auch eine Chance sein. Denn die psychologischen Wege der Figuren sind da ja schon in die Musik eingelagert. Und ich weiß nicht, wie es bei anderen Kollegen ist, aber für mich war es die Verlockung zu sagen, das ist ein großes Feld – und ich fange wieder an zu lernen.

Es ist schon ziemlich lange her, dass Sie zuletzt am Residenztheater inszeniert haben...

Andreas Kriegenburg: Die letzte Inszenierung war, glaub’ ich, 1999 „Black Rider“. Aber es war trotzdem so, dass ich jetzt wie zur Rückkehr begrüßt wurde. Und ich kenne natürlich noch einige Kollegen hier, sodass ich vom Gefühl her nicht einen Neuanfang machen musste, sondern mich wieder aufgenommen fühlte in die Familie.

Sie haben auch viel an den Kammerspielen inszeniert. Macht es für Sie einen Unterschied, dort oder am Residenztheater zu arbeiten?

Andreas Kriegenburg: Ich nehme natürlich eine bestimmte Arbeitsweise und einen bestimmten Umgang miteinander immer dorthin mit, wo ich arbeite, sei’s in München oder anderswo. Aber die Bühnen erlegen einem auch eine bestimmte Erzählweise auf. Ich muss auf der größeren Bühne auch mit größeren Bildern arbeiten, muss anders mit der Sprache umgehen, als ich das an den Kammerspielen täte. Übrigens möchte ich grundsätzlich sagen, dass für so eine Stadt wie München zwei Theater mit sehr unterschiedlichen Profilen nur gut sind. Wenn die beiden in ähnlichen Gefilden versuchen würden, sich die Möhren aus dem Beet zu ziehen, das wäre ja schade.

Das Gespräch führte Alexander Altmann.

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