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Aus der Mitte der Gesellschaft: Kabarettist Andreas Rebers (61) spielt in seinem Solo „Die Kunst der Fuge“ einen Fliesenleger namens Günter König.

Über Grüne, AfD und die Deutungshoheit im Kabarett 

Andreas Rebers: „Ich suche die Auseinandersetzung“

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München - „Hochexplosiv“, „ätzend“, „radikal“ – so beschreiben Kritiker die Kunst von Kabarettist Andreas Rebers (61), dem Mann mit dem Akkordeon. In seinem Abend „Die Kunst der Fuge“ präsentiert sich der 61-Jährige seinem Publikum an diesem Freitagabend (5. Juli, 20 Uhr) in den Münchner Kammerspielen in der Rolle des Fliesenlegermeisters Günter König, eines „typischen Deutschen“, der nun „öffentlich Bilanz zieht“.

Was für ein Typ ist dieser Günter König?

Andreas Rebers: Günter König ist ein hoch qualifizierter Handwerker aus der Mitte der Gesellschaft, der in der öffentlichen Diskussion nicht vorkommt...

Aha.

Rebers: ...der in keiner Talkshow sitzt, über den kein Heribert Prantl in der „SZ“ und kein Jakob Augstein im „Freitag“ schreibt. Den es aber gibt.

Sie kündigen an, dass sich König „mit seinen kruden Ansichten vor das Publikum stellt, um vielleicht doch noch die Frau fürs Leben zu finden“. Was sind das für Ansichten?

Rebers: Soll ich das jetzt schon alles verraten?

Vielleicht eine
Andeutung?

Rebers: Eigentlich ist er sehr verschlossen, aber an diesem Abend erzählt er aus seinem Leben, von seinem Vater und Lehrmeister, von seiner Heimat. Er lebt für seine Arbeit, ist in diesem Sinn also ein typischer Deutscher. In Deutschland leben wir, um zu arbeiten. Und deswegen haben wir früher auch Arbeitsamt gesagt und nicht Jobcenter. Früher haben wir ja auch Volk gesagt und nicht Bevölkerung. Einer wie Günter König ist also auf einmal Bevölkerung. Die Frage ist: Will er das?

Was will er lieber sein? Volk?

Rebers: Das ist für ihn nichts Ungewöhnliches. So sagen ja die Italiener, die Spanier, die Portugiesen auch. Volk ist nicht gleich Faschismus.

Und er sucht eine Frau.

Rebers: Mit Frau ist es schon besser. Ich habe auch überlegt, ob er vielleicht schwul ist, aber das wäre irgendwie drüber. Partnersuche ist ja mittlerweile zu einem Produkt geworden.

Sie meinen Internetportale wie Parship?

Rebers: Genau. In der Welt, in der wir leben, ist alles ein Produkt, selbst die öffentliche Meinung. Man spricht vom Meinungsmarkt. Den teilen sich Anne Will, Sandra Maischberger und Maybrit Illner – und für den Medienpöbel ist Markus Lanz da.

Zu Ihrem vorherigen Programm „Amen“ gab es in München heftige Verrisse; ein Kollege hat Ihnen „reaktionäres Geschwafel“ vorgeworfen.

Rebers: Ich glaube, da gab es ein Verständnisproblem. Das war ja zur Zeit der Flüchtlingsströme, mit Sprüchen wie „Platz da, Flüchtlinge sind hier willkommen!“ Ich habe mir lediglich die Freiheit genommen, die Willkommenskultur dahingehend zu hinterfragen, ob denn keiner zur Kenntnis nimmt, dass da auch Leute wie Anis Amri(der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, Red.) dabei sind.

Das bestreitet ja niemand.

Rebers: Wir hier in München sind privilegiert. Hier rufen alle: „München ist bunt!“ Aber hier fehlt der Cottbus-Faktor. Ich habe mich in den vergangenen Jahren rar gemacht in München, weil mein Verständnis von politischem Kabarett ist, dass man nicht nur die bespaßt, die sowieso wissen, was richtig ist. Ich suche die Diskussion, ich suche die Auseinandersetzung. Und ich unterstütze Aussteigerprogramme für Rechtsradikale. Weil die auch irgendwo herkommen. Ich trete manchmal in Brandenburg auf, da gibt es Bühnen, die sagen: „Wir können nur zwölf Euro Eintritt nehmen.“ Aber das ist es mir wert.

Nach dem Mord an Walter Lübcke hat man den Eindruck, dass die Zahl der Sympathisanten rechten Terrors wächst.

Rebers: Ich glaube nicht, dass das so viele sind. Rechtsextremismus, auch gewalttätigen Rechtsextremismus, hat es immer gegeben, nicht nur in Deutschland. Ich wage anzumerken, dass seit dem Jahr 2015 Islamisten europaweit über 350 Menschen umgebracht haben. Unsere Gesellschaft neigt dazu, alle, die nicht unserer Ethnie angehören, unter Naturschutz zu stellen. Es ist auch ganz schwierig, darüber zu reden. Die Deutschen haben ein Problem, sich in der Nähe abzugrenzen.

Was heißt das?

Rebers: Ich gehe beispielsweise an Infostände der AfD. Ich war auch mal an einem Infostand der Freiheit (eine inzwischen aufgelöste rechtsextreme Partei, Red.) , die haben mich fotografiert, die Fotos ins Netz gestellt und behauptet, ich sei gekommen, ihre Arbeit zu unterstützen. Da musste ich ein paar Prozesse führen. Aber linke Blogger, die etwas gegen mich haben, arbeiten nach wie vor mit diesen Fotos. Das ist jetzt sieben Jahre her.

Sie plädieren für die argumentative Auseinandersetzung mit den Rechten?

Rebers: Ich halte das für wichtig. In der CDU fragt man sich: Wie wollen wir mit der AfD umgehen? Sie wird nicht darum herumkommen, mit ihr umzugehen. Der frühere SPD--Chef Sigmar Gabriel, den ich persönlich kenne und schätze, ist nach Dresden gefahren und hat mit den Pegida-Leuten diskutiert, daraufhin haben die Grünen ihm vorgeworfen, er werte den Faschismus auf. Da haben doch ein paar Leute nicht alle Tassen im Schrank! Auf der anderen Seite holen die Veranstalter Aiman Mazyek (Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Red.) aufs Podium beim Evangelischen Kirchentag. Das ist jemand, der in jeder Diskussion das „Dritte Reich“ infantilisiert, indem er die Situation der Muslime im heutigen Deutschland mit der der Juden damals vergleicht. Und keiner sagt zu ihm: „Herr Mazyek, wir möchten nicht, dass Sie unsere Geschichte schreddern!“ Aber die AfD wird nicht eingeladen. Vielleicht aus Angst, ihr nicht gewachsen zu sein.

Auch im Kabarett scheinen sich Lager zu bilden – hier die sogenannten
Linksgrünen, dort eine Gruppe um Dieter Nuhr, Andreas Rebers, Bruno
Jonas, Monika Gruber.

Rebers: Lager hat es schon immer gegeben. Die Münchner Lach- und Schießgesellschaft hat stets geglaubt, besser zu sein als das Düsseldorfer Kom(m)ödchen, ein Hanns Dieter Hüsch hat es immer unglaublich schwer gehabt, weil er kein SPD-Kabarett gemacht hat.

Aber es ist doch neu, dass man – wie neulich in der „Anstalt“ – Kollegen wie Dieter Nuhr, die beispielsweise in der Umwelt- oder Verkehrspolitik eine andere Meinung haben, von der Bühne herunter beim Namen nennt.

Rebers: Das ist etwas, das Dieter Nuhr selbst nie tun würde. Ich kenne ihn seit Langem, Dieter Hildebrandt hat ihn damals in die Lach- und Schießgesellschaft geholt und zum „Scheibenwischer“. Ein unglaublich sympathischer, kollegialer Typ. Der Dieter ist einer, der, wenn einer eine gute Nummer hat, die aber zu lang für seine Sendung ist, sagt: „Wir streichen nicht bei dem, wir streichen bei mir!“ Die Frage ist doch: Wer hat die Deutungshoheit im Kabarett? Da gibt es immer welche, die glauben zu wissen, wie Kabarett zu sein hat, weil sie die Erwartungen des Publikums befriedigen wollen.

Aber hat sich das Kabarettpublikum nicht verändert? Gibt es heute nicht mehr Leute, die jubeln, wenn man mal so richtig auf die Grünen draufhaut?

Rebers: Natürlich! Und warum sollte ich als politischer Künstler die Grünen unter Naturschutz stellen?

Ihr Rezept gegen die fortschreitende Spaltung der Gesellschaft?

Rebers: Zuhören! Argumentieren! Nicht mit dem Begriff Schuld operieren, wie es Luisa Neubauer von den Fridays for Future macht! Dieses Gerede von den „alten weißen Männern“ – auch so etwas ist Rassismus!

Das Zuhören wird ja praktiziert, es scheint aber nichts zu nützen.

Rebers: Man muss die besseren Argumente haben. Es reicht nicht, nur mit dem Finger auf die AfD zu zeigen. Jeder Pappkamerad kann sich doch so als Antifaschist in Szene setzen. Auf solche Leute würde ich mich nicht verlassen, wenn es hier mal Spitz auf Knopf steht.

Welche Partei wählt eigentlich Günter König?

Rebers: Am Ende des Abends wird er sagen: „Ich habe immer SPD gewählt. Nur beim letzten Mal...“ Und dann beginnt das Kopfkino.

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