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„Was passiert, wenn bei Tengelmann einer ausrastet?“ Andreas Rebers, mal ohne Akkordeon.

Andreas Rebers: „Politiker sind wie Autos“

München - Die vergangenen zweieinhalb Jahre war Andreas Rebers „Auf der Flucht“, nun will er sich – gestärkt und gestählt durch die Lektüre von „Bild“ und diversen religiösen Schriften – seiner Verantwortung stellen.

„Ich regel das“ heißt das neue Programm des Kabarettisten, für den ein Kritiker einst das Attribut „Blockwart Gottes“ fand. Der 52-jährige Wahl-Münchner will als „Selbstberufener“ eine wichtige Rolle in Staat und Gesellschaft übernehmen. Heute um 20 Uhr ist Premiere in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft.

Mit Ihrem Akkordeon bringen Sie die Menschen binnen Sekunden zum rhythmischen Klatschen. Ist Ihre wahre Bestimmung die zum (Ver-)Führer?

Ja – obwohl speziell das Akkordeon im neuen Programm eine untergeordnete Rolle spielt. Ich mache zwar wieder sehr viel Musik, aber ich habe völlig neue Sounds für mich entdeckt, mit denen ich das Publikum konfrontieren will. Doch ich bleibe in der Rolle des Verführers, des Predigers. Ich bringe Deutschland die Frohe Botschaft.

Und die braucht das Land?

Ich glaube schon. Der Mensch wird immer stärker über die Begrifflichkeiten der Konsumgesellschaft definiert. Er ist Endverbraucher, er wird nach Marktgesichtspunkten durchbewertet und durchberechnet. Aber was passiert, wenn in diesem System einer ausrastet? Bei Tengelmann an der Kasse die Pistole zieht und – bumm?!

Und mit Ihrer neuen Religion wollen Sie dafür sorgen, dass es gar nicht so weit kommt?

Genau. Ich habe sie mir aus dem Warenkorb der Religionen zusammengestellt. Die Gläubigen heißen Bitocken. Es sind Teilzeitjuden, Gelegenheitsmoslems, Ein-Euro-Christen. Ihr Problem ist, dass sie mit der modernen Volkswirtschaft nicht kompatibel sind. Sie haben nur 36 Arbeitstage im Jahr, alle anderen Tage sind Feiertage. Aber sie sind unglaublich freundlich. Und sie haben ganz einfache Rituale, sie sagen zur Begrüßung: „Guten Tag, Mensch – guten Tag, anderer Mensch.“

Sind aus Ihrer Sicht die anderen Religionen nicht mehr gefragt?

Doch, natürlich. Aber unsere Konsumgesellschaft produziert zu viele Opfer. Und diese Opfer suchen Trost – bei allem, was mit „-ismus“ aufhört. Die leben fürs Paradies. Die katholische Kirche ist ja keine Alternative mehr angesichts der Missbrauchsfälle. Aber dieses Thema ist ja schon wieder weggewischt worden. Wir leben in einer Wegwischgesellschaft.

Auch eine Frage, die der Markt regelt?

Ja. Die Massenmedien bestimmen, welche Sau durchs Dorf getrieben wird und wie lange. Sie haben die eigentliche Macht im Land. Und die Politik tanzt auf dem medialen Parkett und versucht uns vorzumachen, dass sie etwas bewirkt.

Politiker bewirken nichts?

Nein, weil auch sie im Grunde systematisiert sind. Man kann Parteien mit Automarken vergleichen. Die FDP, das sind die dicken BMWs und die dicken Audis. In der SPD ist man Volkswagen, „Passat“ oder „Golf“.

Opel?

Opel – auch! Ab und zu sieht man einen Opel „Admiral“, das ist der Norbert Blüm.

Und die Union?

Angela Merkel, Wolfgang Schäuble, Volker Kauder, das sind alles Benze. Politiker sind wie Autos. Unterschiedliche Modelle und Ausstattungen, klar. Aber es ist kein Unikat dabei, kein Prototyp.

Sie haben die Grünen vergessen...

Die Grünen fahren Fahrrad. Und sagen immer: „Die Autos müssen weg!“ Obwohl sie wissen, dass das nicht geht. Wenn man in Deutschland die Autoindustrie stilllegen würde, wäre diese Gesellschaft am Ende. Aber die Grünen brauchen ein Feindbild. Es ist das alte Deutschland, das beispielsweise auch die multikulturelle Gesellschaft nicht zulassen will. Claudia Roth kennt vielleicht Mesut Özil, aber sie weiß nicht, dass die U-21-Nationalmannschaft zu 70 Prozent aus Migranten besteht. Deutschland ist viel weiter, als die Grünen wahrhaben wollen. Aber die anderen sind auch nicht besser. Guido Westerwelle hat gesagt: „Es gibt in unserem Land anstrengungslosen Wohlstand.“ Das ist rhetorisch grandios. Denn wenn es „anstrengungslosen Wohlstand“ gibt, dann gibt es auch „hart erarbeitete Armut“. Warum sieht Guido Westerwelle die nicht? Weil er sie nicht sehen kann in seinem System. Man kann einem Vogel nicht vorwerfen, dass er keine Milch gibt.

Früher hat man Politikern vorgeworfen, sie würden an ihren Ämtern kleben. In letzter Zeit gehen sie gerne freiwillig in Pension.

Ich zitiere zu dieser Frage meine verstorbenen Kollegen Matthias Beltz: „Was ist der Unterschied zwischen der Organisierten Kriminalität und der Politik? In der organisierten Kriminalität wird hin und wieder auch einmal jemand zur Verantwortung gezogen.“

Wenn Urban Priol Sie fragen würde, ob Sie in der ZDF-Reihe „Neues aus der Anstalt“ an Georg Schramms Stelle treten wollen...

...dann würde ich absagen. Die „Anstalt“ war die Idee von Urban Priol und Georg Schramm, und Schramm hat seine Figuren perfekt in dieses Konzept eingebracht. Ich würde gemessen an ihm – wie der neue Theaterintendant am erfolgreichen Vorgänger. Ich kann in der „Anstalt“ als Irrer auftreten, das würde ja ganz gut passen. Aber einen festen Part übernehmen – nein!

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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