Andrej aus dem Wohnmobil

"Chowanschtschina": - Der Titel "Chowanschtschina" von Modest Mussorgskys Oper bezeichnet nicht, wie man zunächst glauben könnte, die weibliche Hauptfigur. Vielmehr geht es um religiöse und machtpolitische Auseinandersetzungen im Russland des ausgehenden 17. Jahrhunderts, um den Machtwechsel nach dem Tod Fjodor III.

Das Land ist zerrissen und beherrscht von konkurrierenden Fürsten und Sekten. Im Mittelpunkt steht die Fürstenfamilie Chowansky, in der sich Vater und Sohn mit dem drohenden Machtverlust konfrontiert sehen. Am Sonntag hat das Werk Premiere im Münchner Nationaltheater. Regie führt der junge Russe Dmitri Tcherniakov, Generalmusikdirektor Kent Nagano dirigiert.

Tenor Klaus Florian Vogt singt den jungen Fürsten Andrej Chowansky - ein Rollendebüt. Eigentlich sollte dies sein erster Einsatz an der Staatsoper sein, doch vor einiger Zeit sprang er bereits als Matteo ("Arabella") und Tamino ("Zauberflöte") ein. Weltweit gefragt ist er derzeit allerdings in einer Wagner-Partie: als Lohengrin, den er zum Beispiel schon unter Kent Nagano in Baden-Baden gesungen hat.

Im Gegensatz zum gesitteten Schwanenritter oder zum Tamino muss Klaus Florian Vogt nun als Andrej Chowansky eine ganz besondere Charakterseite herausarbeiten. "Mich reizt, dass es mal eine andere Art von Figur ist, als die, die ich sonst bekomme. In diesem Fall ist das nicht der Liebhaber und der Liebenswürdige, sondern ein ziemlich derber Typ."

Und nicht alles, was er da auf der Bühne anstellen soll, fällt dem großen Blonden aus dem kühlen Norden (geboren im holsteinischen Heide) mit dem Charme und der Ausstrahlung zwischen kalifornischem Beach-Boy und kanadischem Holzfäller leicht: "Viele Aspekte von dem, was ich hier zeigen muss, sind mir wirklich fremd, das ist überhaupt nicht mein Wesen", sagt Klaus Florian Vogt. "Und insofern hab‘ ich auch gewisse Schwierigkeiten, mich damit zu identifizieren. Es ist ja durchaus nicht meine Art, eine Frau an den Haaren zu ziehen oder jemanden zu vergewaltigen." Vogt bekennt, dass ihn die Darstellung des Andrej Selbstüberwindung gekostet hat. Deshalb versuche er, sich diese Charakterzüge aus dem Umfeld der Figur herzuleiten. "Der junge Chowansky ist ja vielleicht nicht aus sich heraus so geworden, sondern durch die Umstände, in denen er aufwächst. Da steckt auch eine große Verzweiflung drin."

Den Andrej empfindet er als dramatische Partie - nicht im Sinne der Wagner-Rollen, "die ich sonst so singe". Charakteristisch sei vielmehr der große Tonumfang. Kontakt zu diesem Stück hatte Klaus Florian Vogt bereits zu der Zeit, als er noch Hornist in gesicherter Stellung im Philharmonischen Staatsorchester Hamburg war. Den damals 25-Jährigen schreckte die Aussicht, es würde für ihn bis zur Rente als Orchestermitglied so weitergehen. Dass er heute als Solist auf der Bühne steht, daran sind Frau und Schwiegermutter, beide ausgebildete Sängerinnen, schuld. Sie rieten ihm zur Tenorkarriere, nachdem er Rossinis "Katzenduett" mit seiner Frau bei einer privaten Feier aufgeführt hatte. Parallel zum Hornistenjob begann er also in Lübeck an der Musikhochschule mit dem Gesangsstudium.

Nach seinem Erstengagement 1997 in Flensburg war Vogt von 1998 bis 2003 Ensemblemitglied der Semperoper in Dresden. Seither arbeitet er international als freischaffender Künstler. Wichtig ist ihm, der in der Nähe Hamburgs lebt, jedoch immer, auch genügend Zeit mit der Familie zu verbringen. Und um sich eine gewisse private und individuelle Atmosphäre während der langen Abwesenheit von zu Hause zu erhalten, reist und wohnt Klaus Florian Vogt während seiner Engagements im Wohnmobil.

"Ja ich bin auch in München mit dem Wohnmobil. Das liegt mir mehr als ein Hotelzimmer, in das ich schon gern mal gehe. Aber während langer Probenphasen fühle ich mich in meinem Gefährt eher zu Hause, weil ich da ein gewohntes Umfeld habe und neben meiner Arbeit etwas Alltag leben kann." Vor allem aber: Man könne seine Hobbys besser verwirklichen, wie Vogt meint. "Weil man mehr mitnehmen kann, etwa Fahrrad oder Skier. Man muss das mögen, für mich ist das schlicht die bessere Lösung. Von Nachahmern weiß ich zwar bis jetzt nichts. Aber ich kenne gewissermaßen einen ,Vorahmer\x0e’ - den Bassisten Hans Sotin."

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