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Andris Nelsons: Am Donnerstag und Freitag dirigiert der Lette im Herkulessaal beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks konzertante Aufführungen von Richard Wagners drittem „Parsifal“-Aufzug.

Merkur-Interview

„Ich liebe Wagner einfach“

München - Zum Münchner Konzert: Andris Nelsons spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über Wagners „Parsifal“, Bayreuth und das Reifen als Dirigent.

Er ist erst 35 Jahre jung und längst in die Spitzengruppe der Dirigenten vorgedrungen. Ab kommender Spielzeit übernimmt Andris Nelsons das Boston Symphony Orchestra. Doch wo auch immer eine Chefposition frei wird, fällt sein Name. Heute und morgen dirigiert der Lette beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks konzertante Aufführungen von Richard Wagners drittem „Parsifal“-Aufzug. Ein Programm im Herkulessaal mit besonderer Bedeutung: 2016 leitet Nelsons, der mit der Sopranistin Kristine Opolais verheiratet ist, auch die Neuproduktion des nächsten Bayreuther „Parsifal“ in der Regie des ziemlich umstrittenen Aktionskünstlers Jonathan Meese.

Ist dieser Münchner „Parsifal“-Akt ein Testlauf für Bayreuth?

In solchen Kategorien denke ich eigentlich nicht. Ich liebe Wagner einfach. Diese wunderbare Musik kann man immer und überall aufführen. Natürlich habe ich auch Bayreuth im Hinterkopf; es ist ein Traum, dort zu dirigieren. Wir sprechen schon lange über ein mögliches Opernprojekt beim BR-Symphonieorchester. Mein Problem ist: Am liebsten würde ich alles aufführen. Als die Wahl endgültig auf „Parsifal“ fiel, kamen noch praktische Gründe dazu: Die ganze lange Oper in einem Konzert ging irgendwie nicht.

Christian Thielemann sagte einmal, den „Parsifal“ hebe er sich in Bayreuth für später auf, das solle das letzte Stück sein, das er dort dirigiert. Er hat seinen Vorsatz bekanntlich gebrochen. Ist es ein Klischee, dass man für dieses Werk oder auch etwa für Bruckners Symphonien ein bestimmtes Alter, eine gewisse Reife haben muss?

Die Frage stellt sich mir ständig: Wann ist der richtige Zeitpunkt da, ein bestimmtes Stück oder einen bestimmten Komponisten zu dirigieren? Ich finde keine rechte Antwort darauf. Als ich in den Zwanzigern war, musste ich sicherlich gewisse Werke vor mir schützen und umgekehrt. Als ich dreißig wurde, änderte sich etwas in mir, in meinem Verständnis des Lebens, im Denken über Dinge wie den Tod. Ich begann auch, an vielem zu zweifeln. Man wird pessimistischer, ist nicht mehr so naiv, sieht die negativen Seiten. Man gerät öfters ins Grübeln, und das strahlt auf das Musikmachen aus. Für Wagner wie für Bruckner muss man einen bestimmten Lebenspunkt hinter sich gelassen haben. Das hat nichts mit der Dirigiertechnik zu tun, sondern mit Erfahrung, auch mit Leid und Freude. Aber wann der Punkt genau erreicht ist, das ist wohl bei jedem anders.

Und dieser Punkt hat auch etwas mit Gelassenheit zu tun.

Genau. Als junger Dirigent will man immer Energie, Energie und nochmals Energie. Bis man versteht, dass sich Energie auch auf einer anderen Ebene ereignen kann – und das kann sogar mit langsamen Tempi geschehen. Man lernt noch etwas: dass man das Orchester nicht übermäßig stören darf. Man sollte nicht zu viel wollen, da sitzen schließlich selbstbewusste und hervorragende Musiker. Gerade durch meine Bayreuther „Lohengrin“-Dirigate hat sich für mich viel verändert, an einem Ort, an dem der Dirigent gar nicht mehr so viel kontrollieren kann. Man lernt, instinktiver vorzugehen, weniger vom Intellekt her.

Kontrollieren Sie sich mit Spiegeln oder Videos? Wissen Sie, wie Sie aussehen beim Dirigieren?

Als ich studierte, habe ich mich schon genau kontrolliert, auch mit Spiegeln. Jetzt sehe ich ab und zu Aufzeichnungen, und das sind schreckliche Momente für mich, Schauspieler und Sänger fühlen ähnlich. Ich habe mittlerweile gelernt, meine visuellen Probleme zu akzeptieren. Aber es geht ja in erster Linie um die Musik, nicht um dekorative Kunst. Ich weiß, dass es nicht schön aussieht bei mir.

Also bitte, das ist jetzt arg negativ.

(Lacht.) Na ja, manchmal sehe ich da dieses dauernde blöde Lächeln. Das ist schon merkwürdig. Aber das ändert sich vielleicht im Alter.

Derzeit spricht jeder über den „Parsifal“-Regisseur Jonathan Meese der Bayreuther Festspiele 2016. Finden Sie das unfair als Dirigent? Oder fühlt man sich sogar sicherer, weil die Aufmerksamkeit einem anderen gilt?

Unfair finde ich das nicht. Ich denke allerdings, dass für die Menschen, die nach Bayreuth fahren, an allererster Stelle Richard Wagner steht, und dann folgt das jeweilige Stück. Die ausführenden Künstler sind da eher nachrangig. Manchmal ist es bei solchen Debatten um Premieren so, dass man sich um Dinge sorgt, ob beim Dirigenten oder beim Regisseur, die dann gar nicht eintreffen. Vielleicht ist es gerade angesagt, sich vor vielem zu fürchten. Wagner wäre glücklich gewesen, wenn er all diese Diskussionen mitbekommen hätte. Er wollte bestimmt keine bloße Illustration seiner Musik. Ich jedenfalls bin nicht neidisch auf Regisseure. Man fühlt sich in Bayreuth übrigens aus einem anderen Grund sicher: Das Publikum sieht den Dirigenten nicht.

Sie sind in einer besonderen Situation: Chefpositionen können Sie sich quasi frei aussuchen. Ist das komfortabel oder setzt das unter Druck, weil jeder genau hinschaut und -hört?

Man kann weder seine Karriere noch sein Leben kalkulieren. Vor vielen Jahren dachte ich mir: Ach, wäre das schön, eine Stelle als Trompeter zu bekommen. Später wünschte ich mir dann, irgendwo Dirigent sein zu dürfen. Wieder etwas später träumte ich davon, die ganz großen Orchester zu dirigieren. Die Erwartungen an einen selbst wurden naturgemäß größer mit den Jahren, und alle Wünsche gingen in Erfüllung. Klar, das verursacht auch Druck. Aber den mache ich mir eher selbst. Erfolg und Prestige bringen nicht unbedingt mehr Selbstvertrauen und Stabilität.

Sie sagten einmal, das Schönste als Dirigent sei es, dass man in einer gewissen Weise Kind bleiben darf. Sind Sie eins geblieben?

Irgendwie schon. Ich meine damit den Idealismus, auch eine besondere Form der Naivität. Sich der Dinge nicht zu sicher zu sein. Eine Entdeckungsfreude. Aber das Kindliche spielt jetzt auch eine ganz andere Rolle in meinem Leben. Durch die Geburt unserer Tochter, sie ist jetzt zwei, wurden andere Dinge wichtig; da haben sich die Prioritäten verschoben.

Und wenn sie nun auch die Musikerkarriere einschlagen will…

…dann kann man das nicht steuern. Das ist eine Art Schicksal. Wenn man das Talent zum Musiker hat, kann man dieser Bestimmung nicht entrinnen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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