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Emotionaler Wirbelwind: Der 33-jährige Andris Nelsons bei einer Probe des BR-Symphonieorchesters. Heute und morgen dirigiert er das Ensemble im Münchner Herkulessaal.

Andris Nelsons über Musik als Nahrung

München - Wo auch immer auf dem Klassikmarkt eine Stelle frei wird, fällt sein Name. Beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist Andris Nelsons, Chefdirigent in Birmingham, schon eine Art ständiger Gast.

Am Donnerstag und Freitag ist er im Herkulessaal mit Bartóks Konzert für Orchester und Brahms’ erstem Klavierkonzert zu erleben (Solistin: Hélène Grimaud), nächste Woche gibt es Brahms, Janá(c)ek und Dvo(r)ák, am 8. Juli folgt das Open Air auf dem Odeonsplatz, im September übernimmt der 33-Jährige die Saisoneröffnung. Und das alles mit Zustimmung (und Taktik?) von allerhöchster Stelle: Der Chef Mariss Jansons ist Nelsons’ Lehrmeister.

Kürzlich haben Ihnen die Münchner Philharmoniker eine Liebeserklärung gemacht. Gibt es eine Chance, dass Sie Chef werden?

Ich habe das Orchester einmal in einem Sonderkonzert dirigiert. Ich kannte es vorher nicht, da ich ja seit einigen Jahren dem Bayerischen Rundfunk verbunden bin. Mir hat dieses Konzert viel Spaß gemacht. Ich war glücklich, dass die Chemie stimmte. Mehr kann ich nicht sagen. Es gibt noch keine Pläne mit den Philharmonikern. Es wird ja viel erzählt... Was soll ich sagen?

Ist es notwendig für Sie, Chefdirigent zu sein?

Es ist in dem Sinne kein Gesetz, weil es ja verschiedene Phasen im Leben eines Dirigenten gibt. Es ist entscheidend, ein Orchester zu finden, bei dem die persönliche und musikalische Chemie stimmt. Ich möchte Chef sein, weil ich meine Ideen mit einem musikalischen Partner teilen will. Jetzt bin ich in Birmingham und dort sehr glücklich. Mein Vertrag läuft noch drei Jahre. Und ich weiß nicht, wo mich das Leben dann hinbringt. Für mich ist es wichtig, dass es eine gegenseitige Liebe gibt. Es ist wie bei einer Heirat. Obwohl, nicht ganz: Eine Ehe wird ja normalerweise auf Lebenszeit geschlossen... (Lacht.)

Ihr Repertoire ist sehr breit. Und trotzdem: Bei welchen Komponisten sagen Sie „Jetzt noch nicht“?

Es gibt einen von allen verehrten Komponisten, der der Vater aller anderen ist: Bach. Ich liebe ihn. Aber ich dirigiere ihn nicht. Weil man einen gewissen Mut, ein besonderes Empfinden für ihn aufbringen muss. Ansonsten glaube ich, dass man sich etwa Bruckner oder Brahms nicht für später aufheben sollte. Man muss mit ihnen und an ihnen wachsen. Auch ein zweijähriger Bub kann erstmals Wagner hören, obwohl er ihn nicht versteht. Ich war fünf damals. Und ich liebe ihn mit 33 umso mehr.

Dass nur Senioren Bruckner dirigieren können, ist also ein Klischee?

Vielleicht versteht man als reiferer Mensch mehr vom religiösen, allumfassenden Gehalt. Es ist in dem Sinne keine egozentrische, keine egoistische Musik. Anders Mahler, der sehr viel von sich „spricht“ – nicht im negativen Sinne. Ihm kommt man dann vielleicht mit jugendlicher Energie schon sehr nahe. Was komisch ist: Je älter ich werde, desto nervöser bin ich vor dem Dirigieren. Als junger Mensch ist man da wohl sorgloser.

Sie sagten einmal, Dirigieren sei wie Drogen konsumieren...

Ohne Musik könnte ich nicht leben. Für mich ist Musik eher wie Nahrung. Wenn man zu viel davon genießt, wird man krank, gerade weil die Emotion zu stark wird. Ich habe gerade „Tristan und Isolde“ dirigiert, meine Lieblingsoper. Zu oft ginge das nicht. Man wird ausgesaugt davon. Und dennoch brauche ich den „Tristan“. Man muss mit solchen starken Drogen vorsichtig sein. Ich liebe Süßigkeiten. Aber zu viel davon... (Greift an seinen Bauch.)

Gibt es für Sie Tage oder Wochen ohne Musik?

Nein, ich denke immer über sie nach. Andererseits bin ich kürzlich Vater geworden. Das hat etwas verändert. Eine gewisse Selbstbezogenheit verschwand dadurch. Wenn man zu obsessiv mit seiner Karriere umgeht, ist das ungesund. Nun sorge ich mich um mein Kind, nicht nur um meine Karriere. Und das Sich-bewusst-Machen von echter, tiefer Liebe hilft einem dann wieder beim Musikmachen. Irgendwie komisch... Ich kann’s nicht genau erklären. Ich bin nun nicht mehr paranoid, was die Karriere betrifft. Ich bin glücklich. Ich kann die besten Orchester dirigieren. Ich genieße, was ich habe.

Sie sind oft beim BR zu Gast. Ist das eine Art Heimkommen mittlerweile?

Ja. Es ist eine echte, enge Partnerschaft. Seit dem ersten Konzert vor fünf, sechs Jahren. Ich habe mich wohl verliebt.

Beim Odeonsplatz-Open-Air singt Kristine Opolais. Ist es einfach oder schwierig, die eigene Frau zu dirigieren?

Einfach, weil ich sie als Sängerin kennengelernt habe bei einer Opernproduktion. Es kommt ja nicht so oft vor. Aber beim Dirigieren erlebe ich sie als musikalische Partnerin. Es ist kein Family-Business wie bei anderen Paaren aus der Musikwelt.

Vermeiden Sie es, daheim über Musik zu sprechen?

Oh nein. Die einzigen Themen, die wir haben, sind unsere Tochter und die Musik. (Lacht).

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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