Der Anfang einer neuen Ewigkeit

- Stücklweis rein ins Paradies. Zumindest in den Vorhof. Und in dem - der himmlischen Barmherzigkeit sei Dank - mischt derzeit das Münchner Volkstheater das göttliche Personal munter auf. Da ludern die Engel-Buam mit Lendentuch und weißen Flügeln, frohlocken mit Posaune, Horn und Trompete und spielen garantiert nicht nur Choräle. Zwischen Weißwürsten, Brezn und diversen Maß Bier pflegt der selige Nantwein sein Saustall-Büro. Ja, kommod geht's zu in diesem Jenseits. Nur Erzengel Michael in seiner barocken Steifheit versteht keinen Spaß und schwingt hoch oben auf dem Altar zornig sein Schwert.

Der heilige Portner in seiner Güte steht über den Dingen. Ein kauziger, liebenswerter Alter. Ab und an schaut frisch aus dem Fegefeuer ein Teufelchen vorbei. Und wenn nicht der, dann macht Preuße Zieten eben mal schnell einen zackigen Besuch im Bayernhimmel. Da fühlt sich sogar die junge Marei wohl, obwohl die nur aus Versehen nach oben expediert worden ist. Und selbst der Brandner Kaspar, dieser lebenspralle, alte Kerl, dem das Schicksal stets recht übel mitgespielt hat und der durchaus nicht lassen will vom schnöden Erdendasein, bekommt angesichts der himmlischen Gemütlichkeit den Blick der Verklärung. Und wär' schließlich der Boandlkramer nicht der Tod, er nähme mit Wonne teil am ewigen Leben.<BR><BR>Das ist dem Stück, das jetzt am Münchner Volkstheater Premiere hatte, sowieso beschieden. Über Jahrzehnte war "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben" von Kurt Wilhelm nach Franz von Kobell am Bayerischen Staatsschauspiel zu Haus. Nun, mit dem Tod von Toni Berger, der den Boandlkramer so kongenial verkörperte, hat das Spiel vom Leben und Sterben des armen Mannes eine neue Heimat gefunden. Die Inszenierung Christian Stückls - so jedenfalls der Anschein bei der heftigst umjubelten Premiere - ist der Anfang einer erneuten Ewigkeit.<BR><BR>Stückl, der Spezialist für Sinnlichkeit und Katholizismus, fächert mit großer Leichtigkeit, Unangestrengtheit und enormer Musikalität die ganzen Facetten von Leben und Tod auf und bewahrt der alten Nostalgie-Vorlage ihre Naivität. Ohne sich über sie zu erheben, ohne sie zu verraten, ohne sie zu ironisieren. Und doch mit einem großen Humor. Es gibt ziemlich viel zu lachen inmitten der irdischen Armut und Bosheit.<BR><BR>Aber nicht alles spielt in der Diele des Paradieses. Von den Plagen des bäuerlichen Erdendaseins im 19. Jahrhundert handelt der erste Teil des "Brandner Kaspar". Da geht es um die Jagd des Herzogs, um einen nach oben buckelnden und nach unten tretenden Bürgermeister Senftl, um männliche Eifersucht, Hahnenkämpfe und Notwehr, um Liebe und Wilderei und immer natürlich um den Brandner Kaspar, den der Boandlkramer zunächst vergeblich lockt. Zuerst aber lässt Stückl die Büchse knallen, den Hirsch springen, den Jägerchor singen und die Jungen Riederinger Musikanten wie Kasperlpuppen aus den Gassen herausschnellen. Das bringt den deutschen Fichtenwald zum Zittern, den Bühnenbildner Alu Walter auf den Prospekt gemalt hat.<BR><BR>Vor allem in Alexander Duda hat Christian Stückl einen überraschend guten Titeldarsteller, der neben leisen Tönen auch mal freudig auf die Pauke haut. Oder als alter, aber umso munterer Knabe noch einmal in Stimmung gerät und Theres, die jüngferliche Base, in erotische Schrecken versetzt, wenn er sie durch die ganze Stube und über den Wirtshaustisch hinweg jagt.<BR><BR>Aber das sind letztlich nur Nebenschauplätze. Im Mittelpunkt stehen Brandner Kaspar und Boandlkramer, der mit Maximilian Brückner extra jung besetzt ist. In der Maske aschgrau, langhaarig und zahnlos, spielt Brückner ihn schrill und oft ein bisschen zu laut als einen ausgeflippten Typ (fast) von heute. Wenn er sich dann den Kaspar auf den Karren legt, um mit seinem Rappen und mit ihm gen Himmel zu steigen, ist das ein so poetisches wie sinnfälliges Bild.<BR><BR>Wie aus zartem Holz geschnitzt: die schöne Marei der Kathrin von Steinburg. Stefan Murr hat als Wilderer den gehörigen Naturburschencharme, und Markus Brandl pflegt den glutäugig-traurigen Blick des verschmähten Liebhabers. Als Zieten gibt Tobias von Dieken eine hübsche Preußen-Karikatur. Peter Mitterrutzner empfiehlt sich als Inbegriff des heiligen Portners und macht sich unentbehrlich.<BR><BR>Nicht verzichtbar für Stückls bayerische Inszenierungen sind mittlerweile die Jungen Riederinger Musikanten. Ob in der Wirtschaft oder im Himmel, vor dem Vorhang oder gar auf dem Schoß eines Herrn in der ersten Reihe: Ihre Musikalität, ihre Spiellust, ihr Charme stellen das Zentrum der Aufführung dar. Lang, lang ist's her: Als das Bier noch dunkel war und die Menschen typisch, soll es in München schon einmal einen "Brandner Kaspar" gegeben haben. Das ist nun plötzlich nicht mehr wahr. Sein Paradies liegt jetzt im Volkstheater. Auf Stückls Weis.<BR><P><BR> </P>

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