Zeitgenössisches Forschungsmaterial: Steve Paxtons Solo „Bound“ von 1982, jetzt berührend getanzt von Jurij Konjar. Foto: Nada Zgank

Festival in München

Am Anfang war die Freiheit

München - Die Tanzwerkstatt Europa und „Dance at Judson and on and on“ im Lenbachhaus-Kunstbau laufen jetzt heiß.

Gegen ein Motto hat sich Walter Heun immer gewehrt. Aber seine 24. Münchner Tanzwerkstatt Europa/TWE (bis 9. 8.) und die mitverantwortete Reihe „Dance at Judson and on and on“ im Lenbachhaus-Kunstbau (bis 30. 8.) werfen doch nachdrücklich einen Blick zurück auf die Anfänge des zeitgenössischen Tanzes – eine von der Kodifizierung des Modern Dance völlig befreite Tanzform. Und da startete die TWE ganz richtig mit Wim Vandekeybus’ „What the Body Does Not Remember“ von 1987, choreografisches Debüt und zugleich der große Durchbruch des jungen Belgiers. War das ein befreites Aufatmen damals bei seinem Münchner Gastspiel!

Nach dem extrem tanzarmen Tanztheater, das die Szene hierzulande seit den späten Sechzigerjahren dominierte – und meist nicht in der Qualität der großen Pina Bausch –, endlich wieder dynamische Bewegung. Aber würde das Stück nach 27 Jahren noch tragen? Bei der Wiederaufnahme mit neuer Besetzung hätte Vandekeybus ruhig etwas kürzen sollen. Doch Konzept und Form sind perfekt: Der Körper ist sein Thema und wie aus dem Spiel mit Objekten ganz von selbst neue Gesten, Schritte, Sprünge entstehen. Spielerisch: wenn die acht Tänzer kleine Daunen in die Luft blasen und ihnen, nachlaufend und hüpfend, mit ihrem Atem weiteren Flugantrieb geben. Wenn sie, forsch den Raum durchquerend, sich gegenseitig die umgebundenen bunten Badetücher wegzupfen. Gefährlich:  wenn sie sich wie eine toptrainierte Handballmannschaft Backsteine zuwerfen.

Nach Édouard Locks kanadischer Company Lalala Human Steps, die in den Achtzigerjahren mit ihrem Stuntman-artigen, zwischen Risiko und Blitzreaktion wirbelnden „Newdance“ frappierte, war Vandekeybus in Europa der erste Newdance-Choreograf. Und von Lalala inspiriert sind auch in diesem Stück die aggressiven Kampf-Duette zwischen Männern und ihren gleichberechtigten Amazonen. Zeitgenössischer Tanz verbraucht sich schnell. Ist immer nur Sprungbrett für die nächste Entwicklung. Aber dieser Vandekeybus, vervollkommnet durch die tanzfühlig zukomponierte klavierhämmernde Musik (Thierry De Mey/ Peter Vermeersch), erweist sich, überraschend, als Klassiker.

Die Soli von Steve Paxton und Noé Soulier hingegen, beide ebenfalls in die Achtziger rückweisend, bleiben eindeutig zeitgenössisches Forschungsmaterial. Inwieweit Paxton – 1962 Mitbegründer des revolutionierenden New Yorker Judson Dance Theaters und mit 74 gerade in Venedig für sein Lebenswerk ausgezeichnet – sein Solo „Bound“ von 1982 von dem slowenischen Tänzer Jurij Konjar überarbeiten ließ, ist nicht ersichtlich. Deutlich wird jedoch Paxtons damals neues, gezielt anti-schönes, dabei bis ins Bildertheater reichendes Tanzverständnis: der mit Tarn-Kurzhosen als Soldat gekennzeichnete Jurij Konjar, immer wieder in die Knie einknickend, sich ungelenk drehend, die Arme verquer winkelnd, bewegt sich nach Judson-Art gewollt roh behauen. Eher Tanzwerker als Tänzer, schleppt und schiebt er Gegenstände heran und wird schließlich zwischen einer alten Holzwiege und einem Schaukelstuhl, selbst kniend eingepfercht in einen engen Pappkarton, zur Metapher für den Kriegskrüppel zwischen Geburt und Alter. Konjars eigene Lebenserfahrung (eine Kopfverletzung), seine innere Ruhe und Intensität vermögen dieses 32 Jahre alte Solo doch gefühlsmäßig neu zu beleben.

Merkwürdig im Tanzwissenschaftlich-Theoeretischen hat sich Noé Soulier verhakt. Der blutjunge Franzose, neben dem Tanz der Philosophie verschrieben, geht aus von William Forsythes „Improvisation Technologies“, einer Video-Installation und zugleich Werkzeug zur Bewegungs-Analyse und -Neufindung. Forsythe war ein exzellenter Analyst seiner Bewegungen, obendrein ein hochfein phrasiernder Performer, erklärtermaßen beeinflusst von der postmodernen „Judson“-Mitbegründerin Trisha Brown. Und Browns „Accumulation with Watermotor“ erinnern wir als virtuoses humorvolles Sprech-Tanz-Solo. Heroisch zwar, wie Soulier Punkt-und-Komma-los sein Demonstrieren von Bewegungs-Vektoren und imaginierten Bewegungs-Ausdehnungen in den Raum kommentiert. Sein französisches Englisch klingt jedoch, hélas, wie ein fremdländisches Idiom und macht sein Solo zu einer knochentrockenen Nervenprobe. Dommage!

Malve Gradinger

Nächste Vorstellung:

heute Martin Schicks „Halfbreadtechnique“, Schwere Reiter, 20.30 Uhr; Telefon 089/ 54 81 81 81.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mariss Jansons, der Womanizer von der Newa
Jubel, rhythmisches Klatschen und Blumen über Blumen: Tourneefinale des BR-Symphonieorchesters in St. Petersburg und Moskau.
Mariss Jansons, der Womanizer von der Newa
Architekten streiten um Gasteig-Sanierung: Diese Entwürfe sind noch im Rennen
Der nächste Schritt ist geschafft – aber es ist nur ein weiterer Zwischenschritt, denn: Die Jury konnte sich am Freitagabend auf keinen eindeutigen Sieger-Architekten …
Architekten streiten um Gasteig-Sanierung: Diese Entwürfe sind noch im Rennen
Frank Castorf: „Die Musik klingt wie Ketten“
Unter seiner Intendanz wurde die Berliner Volksbühne zur Legende. Jetzt inszenierte Frank Castorf an der Bayerischen Staatsoper Janáčeks „Aus einem Totenhaus“. Vor der …
Frank Castorf: „Die Musik klingt wie Ketten“
Umstrittene Karikatur löst Proteste aus: „SZ“ trennt sich von Zeichner Hanitzsch
Seit vielen Jahren zeichnet Dieter Hanitzsch politische Karikaturen für die „Süddeutsche Zeitung“. Dann erscheint eine Zeichnung, die den Eurovision Song Contest mit der …
Umstrittene Karikatur löst Proteste aus: „SZ“ trennt sich von Zeichner Hanitzsch

Kommentare