Am Anfang war das Nichts

München - Ausstellung in der Landeshauptstadt: Das Münchner Haus der Kunst zeigt die erste umfassende Museumspräsentation zu „Land Art bis 1974“.

„Ends of the Earth“ heißt die Ausstellung über „Land Art bis 1974“ im Haus der Kunst. Und tatsächlich fängt die Schau mit einem Weltenende an. Jean Tinguely kam 1962 in Nevadas Wüste, und zwar in die Region der Atomtests. Er baute aus Fundstücken eine seiner wunderspinnösen Bewegungs-Skulpturen – und ließ sie dort explodieren. Auftraggeber war der Fernsehsender NBC. Deswegen gibt es jetzt nicht nur Skizzen und ein Radiodokument zu dem Ereignis, sondern der Besucher kann sogar den alten Film anschauen. Mit diesem Auftakt schlägt die Exposition gleich mehrere Land-Art-Klischees in die Flucht. Nichts ist’s mit auratischen Mega-Skulpturen in schöner Landschaft.

Land Art startete sozusagen mit dem Nichts, postuliert Kurator Philipp Kaiser und zieht gleich eine Linie zur europäischen Zero-Bewegung. Des Weiteren: Land/ Earth Art ist vielfältig – von Aktionen zwischen Körperkunst und Happening über Arte-Povera-Varianten und viel Konzeptkunst bis hin zu ökologischen Werken, etwa der kleinen Sauwiese. Land Art ist international, keinesfalls rein US-amerikanisch. Sie ist sehr medienbewusst, nutzt gern die Massenverbreitung und munter die damals frische Form des Fernsehens. Sie kann dezidiert politisch sein, wie das obige Beispiel zeigt. Aber auch das der Künstler aus Israel: Micha Ullman tauschte Erde aus einer Kibbuz-Grube mit der aus einem Loch in einem palästinensischen Dorf (1972). Land Art stellt obendrein Beziehungen her. Denn es haben sich viele Künstler mit ihr beschäftigt, die sich später in alle möglichen Richtungen von Malerei über Fluxus bis zur abstrakten Bildhauerei entwickelt und darauf schließlich ihren Schwerpunkt gelegt haben.

Land/Earth Art bildet den Humus für zahlreiche Kunstströmungen. Das breitet die erste große Museumsausstellung mit etwa 200 Werken und 100 Künstlern imposant, zugleich jedoch etwas anstrengend aus. Die Übernahme vom Museum of Contemporary Art in Los Angeles bietet eine herausragende kunsthistorische Lektion, und es ist hocherfreulich, dass sie in München zu studieren ist.

Ästhetische Knaller darf der Betrachter allerdings nicht erwarten. Selbst Richard Longs „Somerset Strandsteine“ auf den Bodenplatten des Hauses der Kunst wirken zierlich und bescheiden. Das Spannende, Besondere, das still Vergnügte, das Aufbegehrende und das sich in neue Welten Tastende muss der Besucher sich aus den diversen „Erdschichten“ selbst ausgraben. Dann macht die Entdeckungsrunde freilich richtig Spaß, weil man merkt, wie eine Idee, eine künstlerische Verhaltensweise auf dem ganzen Erdenrund aufblüht: Oder hat irgendwer die OHO Gruppe, 1963 in Ljubljana gegründet, gekannt? Die Reduktion auf simple Dinge, „sinnlose“ oder banale Tätigkeiten beleuchtet zum Beispiel ein Film, in dem Milenko Matanovi´c ein Loch – natürlich in die Erde – gräbt.

Überhaupt ist Arbeit, Schufterei durchaus ein wichtiger Faktor in der Land Art. Zugleich wird die Nichtigkeit des Tuns und die Flüchtigkeit der Monumente herausgestellt. Damit begann ja schon diese Kunstrichtung. Robert Smithson sollte 1967 mithelfen, den Flughafen von Dallas/Fort Worth zu bauen und zu gestalten. Er lud Künstler wie Carl Andre oder Sol LeWitt ein. Der Wunsch nach Erd-Projekten, die man auch aus dem Flugzeug aus hätte sehen können, wurde jedoch nicht erfüllt. Smithson blieb dennoch fasziniert von den Möglichkeiten, die Erde zu bewegen. So schuf er nicht nur „Spiral Jetty“, eine rund 500 Meter lange Landzunge, sondern riss andere mit.

Das bedeutete, dass sich die Medien (etwa Gerry Schums „Fernsehgalerie“, erstmals 1969 im Sender Freies Berlin ausgestrahlt), Kunsthändler und Galeristen engagierten, die mit „Earthworks“ und „Earth Art“ (1968, 1969) diese Richtung etablieren konnten. Ab 1974 hatte die junge Land Art gewissermaßen ihren Zweck als Humus erfüllt. Deswegen schließt mit diesem Jahr die Ausstellung „Ends of the Earth“. Natürlich lebt die Land Art weiter, ob im unauffälligen Hamish Fulton oder im auffälligen Christo.

Simone Dattenberger

Bis 20. Januar 2013

täglich ab 10 Uhr, Telefon 089/21 12 71 13.

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