Der Anfang ist Programm

- Es war ein programmatischer Auftakt, den Klaus Zehelein für den Beginn seiner ersten Spielzeit als neuer Präsident der Bayerischen Theaterakademie gewählt hatte. Ein Stück Theater über das Theater, das mutig nach vorne blickt, ohne dabei seine Vergangenheit zu vergessen oder gar zu verleugnen.

Als Regisseur war für diesen Abend mit Christof Nel ein Mann angetreten, mit dem Zehelein bereits in seiner Stuttgarter Zeit mehrfach erfolgreich zusammengearbeitet hat und der den Besuchern des Prinzregententheaters durch seine Inszenierung von Hartmanns "Simplicius" noch in guter Erinnerung sein dürfte.

Diesmal sind es gleich drei Opern, Einakter von Hans Werner Henze, die sich Nel vorgenommen und zu einem pausenlos ineinander fließenden Abend kombiniert hat. Szenische Klammer für alle drei Werke bildet dabei ein nüchtern kahler Einheitsraum von Marc Weeger und Silke Willrett, der mit seinen drei Türen die Bühne der römischen Antike ebenso zitiert wie mit den Kostümen die klassischen Elemente von Maske und Kothurn ins Heute übersetzt werden.

Den Anfang im Reigen der Kurzopern macht "Das Wundertheater" nach einem Text von Miguel de Cervantes, dessen böses Spiel um Sein und Schein von Henze zwingend in Tönen eingefangen wurde, die Dirigent Ulf Schirmer mit dem Rundfunkorchester plastisch umzusetzen wusste. Denn wirklich sehen kann dieses Zaubertheater nur, wer auch aus einer ehrbaren Familie stammt und reinen Blutes ist. Und so bleibt der Schwindel, den die Puppenspieler Chanfalla und Chirinos den Leuten hier in Wahrheit auftischen, bis zuletzt unentdeckt. Will sich aus Angst um die eigene Ehre doch niemand die Blöße geben, die beiden Betrüger mit ihrem unsichtbaren Theater zu entlarven.

Der einzige Aufrichtige in diesem Streit um "des Kaisers neue Kleider" sieht sich so schnell in die Rolle des Außenseiters gedrängt und findet durch die Hand der aufgebrachten Menge bald ein gewaltsames Ende.

Ein ebensolcher Außenseiter ist auch der von Henze gleich auf vier Stimmen verteilte Protagonist seiner Kafka-Vertonung "Ein Landarzt". Ursprünglich als Funkoper konzipiert, inszeniert Nel diesen Einakter mit mehreren auf der Bühne postierten Mikrofonen als eine Art szenisches Hörtheater, das auf die Vorstellungskraft des Zuschauers baut und mit deutlich reduzierten Mitteln oft geradezu beklemmende Bilder entstehen lässt.

Dieser düsteren Vision schickt der Regisseur mit dem "Ende einer Welt" schließlich ein pointiertes Satyrspiel hinterher, welches mit viel Witz und Ironie das Porträt einer versnobten Gesellschaft zeichnet, die nur noch damit beschäftigt ist, sich selbst zu feiern und dabei gar nicht bemerkt, dass ihre dekadente Welt längst von den Fluten des Meeres verschlungen wird. Neben der bis zum Schlussapplaus hin minutiös choreographierten Inszenierung, die geschickt mit den Mitteln des Theaters jongliert, lebt der Abend dabei gleichermaßen von der überzeugenden Leistung der 14 jungen Sänger, die Christof Nels Ideen hier gewissenhaft umsetzen.

Einzelne Namen herauszugreifen, wäre mehr als unfair, stand hier doch ein sorgsam zusammengestelltes Ensemble auf der Bühne, bei dem nicht nur jeder seine fünf Minuten im Rampenlicht bekam, sondern diese auch klug für sich zu nutzen wusste.

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