Angekratztes Getöse

- Es war zu sehen und zu hören: Der junge russische Dirigent Andrey Boreyko hat einen guten Draht zu den Münchner Philharmonikern. Bei der Europa-Tournee im Juni war er für James Levine eingesprungen, und nun stand er beim Abo-Konzert am Mittwoch im Gasteig am Pult.

<P>Er krönte seinen Auftritt mit Schostakowitschs Fünfter, einem schwierigen Werk in mancherlei Hinsicht: Dmitri Schostakowitsch wurde nach der Uraufführung seiner Oper "Lady Macbeth von Mzensk" in einem Prawda-Artikel "Chaos statt Musik" von Stalin öffentlich geächtet. Daraufhin zog er seine vierte Symphonie zurück und unterwarf sich - dafür der Anbiederung gescholten - mit seiner fünften in d-moll dieser Kritik. </P><P>Mehr formal als im Ausdruck, der weiterhin bis zu schmerzlicher Intensität reicht, während der geforderte Jubel zwanghafte Züge trägt. </P><P>All dies Doppelbödige durften die Zuhörer in der Philharmonie intensiv miterleben. Schon im eröffnenden Moderato ließ Boreyko die Abgründe mystisch, zuweilen gespenstisch aufklaffen. Er schärfte das sieghafte "Getröte" und steigerte die Bedrohung in der martialisch dröhnenden Marscheinlage bis zum Äußersten. Das Scherzo rückte er grell in Operettennähe, bevor die Hörer in die unendliche Trauer des Largo förmlich hineingesogen wurden. So erreichte der dritte Satz bei aller klanglichen Vielfalt eine Dichte und Spannung, die geradezu physisch fühlbar wurden.</P><P>Auch im stellenweise hauruckartigen Finalsatz blitzte die Tristesse durch, wurde das Dur-Getöse angekratzt. Zuletzt setzte die Pauke Ausrufezeichen - entlarvend. Eine überzeugende Interpretation, für die Dirigent und Orchester gefeiert wurden. Russisch eingestimmt hatten sie sich mit Valentin Silvestros 1984 entstandenem Postludium, einem Symphonischen Poem für Klavier und Orchester. Das Klavier, von Alexei Lubimov gespielt, ist nur eine, allerdings markante Stimme im statisch wirkenden Klanggewebe. Liegende Klänge und geschichtete Flächen erwecken trotz minimaler Verschiebungen den Eindruck des Auf-der-Stelle-Tretens. Die als Einspielstück missbrauchte Mozart-Symphonie C-Dur KV 338 blieb ein Fremdkörper. <BR></P>

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