Das angenehme Gefühl der Freiheit

- "Man kann keine schlechte Show verkaufen. Das Wirtschaftliche und das Künstlerische gehen immer Hand in Hand." Heiko Plapperer-Lüthgarth (62) weiß, wovon er spricht. Seit einem Vierteljahrhundert ist er der Intendant des Münchner Deutschen Theaters, ist er der Chef über Beine und Busen, Texte und Töne, Musik und Magie, kurz, über das ganze wunderbare Tingeltangel der leichten Kunst, die schwer zu machen ist. An diesem Montag aber ist Schluss mit lustig, zumindest was seine Arbeit am Deutschen Theater betrifft: Heiko Plapperer-Lüthgarth wird als Intendant offiziell und feierlich und hoffentlich auch, wie es sich gehört, mit revueartigen Ehren verabschiedet.

25 Jahre Herr über das gehobene Show-Business der Stadt München und davor sieben Lehrjahre, ebenfalls am Deutschen Theater, dem alten, das damals sein Vater leitete: Was hat Heiko Plapperer-Lüthgarth bewogen, jetzt schon zu übergeben?

"Die Schlacht ist gewonnen, aber nicht der Krieg."

Heiko Plapperer-Lüthgarth

"So viele Menschen habe ich hier kommen und gehen sehen. Und ich habe gesehen: die enttäuschten Erwartungen, wenn sie dann feststellten, nicht mehr gebraucht zu werden. Vorsicht! Man darf nicht sich selbst verwechseln mit der Aufgabe, die man hat."

Was ihm, so glaubt Plapperer-Lüthgarth, nicht passieren wird, denn: "Ich nehme mich nicht so wichtig. Es ist gut, wenn man freiwillig geht und nicht gehen muss; wenn man Herr des Verfahrens ist. Wenn sich etwas ändert, dann soll das geschehen, wann ich es für richtig halte. Also jetzt. Wäre ich früher gegangen, als es Schwierigkeiten gab, wäre es so etwas wie Fahnenflucht gewesen. Ich aber war immer bereit, Widerständen entgegenzutreten. Jetzt kann ich sagen: Die Schlacht ist gewonnen, aber nicht der Krieg; die Zukunft des Deutschen Theaters ist mittelfristig gesichert."

Das Haus an der Schwanthaler Straße steht derzeit gut da. Plapperer-Lüthgarth: "Wir hatten eine hervorragende letzte Saison, und auch das laufende Jahr ist bis jetzt sensationell gut." Wirklich kein bisschen Wehmut zum Abschied? "Im Moment empfinde ich sehr stark das angenehme Gefühl der Freiheit. Die Wehmut kommt vielleicht noch."

Klar ist, dass ein Mann wie er sich nicht ganz verabschiedet aus der Theaterbranche und dem Showgeschäft. So wie er manch internationalen Künstler zum Gastspiel nach München und damit erstmals nach Europa geholt hat, etwa den Zauberer David Copperfield, so werden Show und Unterhaltung auch in Zukunft sein Leben bestimmen. Sowie der Wunsch, die Zuschauer nach einer Vorstellung glücklich und zufrieden zu entlassen:

"Mit einem Beerdigungsinstitut kann man vielleicht mehr verdienen, aber am Ende weint der Kunde." Also wird Heiko Plapperer-Lüthgarth in der Unterhaltungsbranche als freier Unternehmer beratend tätig sein und koproduzieren: "Ich muss nicht der Chef sein. Aber ich möchte gern mitwirken, dass in diesem Genre gute Dinge entstehen."

Doch bekanntermaßen kann nicht alles immer nur gut sein. 25 Jahre Deutsches Theater - was betrachtet er rückblickend als nicht gelungen? "In den 90er-Jahren hätte ich ,Les Misérables’ haben können. Doch ich hätte als Produzent oder Koproduzent mit einsteigen müssen. Diese Möglichkeit hatte ich damals nicht. Das könnte sich aber ändern für meine Nachfolgerin Andrea Friedrichs. Denn das Theater hat eine stattliche Summe angespart."

"Die jüdische Tradition ist über den Broadway wieder zu uns zurückgekommen."

Heiko Plapperer-Lüthgarth

Was aber hat sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert, hat sich die Wertigkeit von Musical und Entertainment verschoben? Der Theatermann: "Fundamental. Früher gab's ,My Fair Lady’, ,Hair’, ,Annie Get Your Gun’. Dann kam plötzlich ,Cats’. Die Amerikanisierung des Genres - sie ist der Nährboden dafür, dass wir heute anknüpfen können an die eigene Tradition der 20er-Jahre. Mit dem Untergang der überwiegend jüdischen Theaterunternehmen in der Nazizeit ist in Deutschland eine ganze Branche erloschen. Wer konnte, ging an den Broadway. Und über diesen Umweg ist sie zurückgekommen zu uns. Der Kulturkreis hat sich wieder geschlossen. Jetzt sind wir an einem Punkt, wo wir den Alltag mit unseren eigenen Möglichkeiten auf die Bühne bringen können. Mittlerweile haben wir auch so hervorragende Darsteller, dass wir ,Chorus Line’ in deutscher Sprache machen könnten. Noch vor 15 Jahren undenkbar."

Also gute Zeiten fürs Musical? Plapperer-Lüthgarth: "Zweifellos. Entscheidend ist die Popmusik. Es gibt ein Weltverständnis für die Popmusik. Noch nie hat Musik eine so große Rolle gespielt wie heute, da sie jeden erreicht, jedem zugänglich ist, technisch wie ökonomisch. Da liegt es nahe, dass sich ein Genre, das sich immer der Musik bedient hat, auch der Popmusik bedient."

Schwere Zeiten aber hat Plapperer-Lüthgarth als Intendant des Deutschen Theater auch hinter sich. Etwa die drohende Schließung. Mit Genugtuung denkt er heute an den Proteststurm der Bürger: "Da ist dann auch dem letzten Stadtrat der hohe Stellenwert des Theaters bewusst geworden." Drei Wünsche für Nachfolgerin Andrea Friedrichs? "Ich wünsche ihr, dass sie das Publikum liebt, dass sie die Qualität der Mitarbeiter zu schätzen weiß und dass sie die Unterstützung der Stadt München bekommt. Wenn das erfüllt wird, ist die Zukunft des Hauses gesichert."

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