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Ein großes Hotelfoyer als Ort der Untaten: Szene aus „Don Giovanni“, heuer der ersten Festspielpremiere in Salzburg.

Salzburger Festspiele

"Don Giovanni": Ein angestochenes Nockerl

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Salzburg - Sven-Eric Bechtolf, Schauspielchef der Salzburger Festspiele, inszenierte zur Festivaleröffnung Mozarts „Don Giovanni". Die Premierenkritik.

Die Leistungsbilanz liest man im Programmheft ab Seite 74. Alle „Don Giovannis“, die hier jemals liefen, seit 1922. Und mit jedem Star, der Connaisseure mit der Zunge schnalzen lässt, begreift man: Mozart, das ist nicht nur der Kugelnamensgeber, sondern auch ein Salzburger Trauma. Weil bei ihm alle Welt von den Festspielen Ultimatives erwartet, Unvergleichliches, Maßstäbliches, erst recht bei der Da-Ponte-Trilogie. „Don Giovanni“, „Figaro“, „Così fan tutte“, das ist fürs Spektakel am Mönchsberg ungefähr genauso prestigeträchtig wie für Bayreuth der „Ring“. Entsprechend hoch die Klunker- und Mascherldichte in der Hofstallgasse. Doch beide Festivals dürfen sich derzeit die Hand geben: Es sieht nicht so aus, gerade nach der „Giovanni“-Premiere im Haus für Mozart, als könnten sie die Schrittmacherrolle annähernd ausfüllen.

Dabei ist Mozart in Salzburg gerade Chefsache. Sven-Eric Bechtolf, Schauspielchef und ab 2015 für zwei Jahre Interimsintendant, wärmt sein schon in Zürich erprobtes Konzept auf. Geköchelt wird dabei auf Sparflamme. Ein großes Hotelfoyer ist Ort der Untaten. Einheitsbühne, das kommt immer gut. Und das sieht zunächst einmal auch gut aus. Die symmetrischen Treppengänge im kühlen Holzschick (Bühne: Rolf Glittenberg), die Reihe von Zimmertüren, hinter denen leichte Mädchen zur billigen Liebe bitten, die Bar im Erdgeschoss, an der Leporello Cocktails für seinen Herrn mixt. Überall Dienstmäderl in Schürzchen (nach denen sich Schürzchenjäger sogar bis zum Langweiler Ottavio umdrehen), für Bedrohungsstimmung sorgen Offiziere: das Hotel als Kriegsquartier für eine namenlose Soldateska?

Bechtolf kann man kaum vorwerfen, dass er nichts tut. Ein versierter Personenbeschäftiger ist er. Rampensingen gibt es kaum, dafür viele kleine Geschichtchen und Situationen. Frauen sind hier für jeden der Herren potenzielle Beute, allerdings tun die Damen auch wenig, um das zu ändern. Man nehme nur Anna, die gerade ihrem Ottavio von der Fast-Vergewaltigung durch Giovanni erzählt, ihn lasziv umgarnt – und dabei doch nur an den Verführer denkt.

Ein, zwei Volten überraschen. Erstochen wird der Komtur nicht durch Giovanni, sondern durch seine Tochter Anna, die Hand mit dem Messer wird allerdings vom Titelhelden geführt. Beihilfe zum Mord? Meucheln unter Zwang? Die Konsequenzen zu erfahren, wäre im Laufe des Abends ganz schön gewesen. Einige Arbeit steckt in der Inszenierung, das sieht man. Reflexion und Tiefgang, das sieht man auch, allerdings weniger. Bechtolf inszeniert aus der Pose des Theater-Handwerkers. Viel ausgestelltes Schauspiel ist zu sehen. Doch wenn es um mehr geht als ums naturalistische Entlanghangeln an der Handlung, wenn die großen Fragen beantwortet werden wollen, wenn man nach einer Haltung zum Existenziellen sucht, fällt alles wie ein angestochenes Nockerl zusammen.

Vor diesem Hintergrund haben sich in der ersten Festspielpremiere schon die Richtigen gefunden. Die Wiener Philharmoniker lassen sich vom Mann am Pult wenig stören. Christoph Eschenbach ruft die Partitur auf hoher Munterkeitsstufe ab. Alles tönt saftig, körperhaft, gewohnt brillant in den Streichern. Mozart für Fastfood-Fans: Im Augenblick des Verklingens ist alles gleich wieder vergessen. Weit fällt hier Salzburg zurück, auf eine Stufe, als die Wiener Klassik noch Beilage und Untermalung war, statt Ort des Kampfes und der Klangrede.

Auch die Besetzung, und das ist ziemlich fatal, bietet nur punktuell Festspielniveau. Der Abend suggeriert, dass eine Donna Anna und eine Donna Elvira derzeit kaum zu finden sind. Lenneke Ruiten als Erstere, eigentlich im Barockfach sozialisiert, singt viel zu kleinformatig, ständig am Anschlag und ginge bestenfalls als Zerlina durch. Anett Fritsch hat sich für ihr jugendliches Alter bereits ein beachtliches Vibrato zugelegt. Zwei Beispiele dafür, was passieren kann, wenn bei Mozart-Partien immer geglaubt wird, nur leichtere Stimmen seien dafür die richtigen.

Immerhin: Andrew Staples könnte bald in den Ottavio hineinwachsen, womöglich schon im Laufe der Premierenserie. Den Mut zur Nuance, zum feinsinnigen Tenorvokalspiel hat er. Luca Pisaroni (Leporello) gleicht Substanzdefizite mit elegant-aufgekratzter Darstellung aus. Tomasz Konieczny ist ein angemessen röhrender Komtur. Und Ildebrando D’Arcangelo hat erreicht, was jeder Bassbariton will: Er ist in Salzburg vom Diener (unter Harnoncourt) zum Giovanni aufgerückt. Raumgreifend ist seine Stimme, kernig, Verdunkelung und Dezibel sollen Dämonie erzeugen. Doch wenn es an feinere Lasuren geht, muss der Italiener tricksen. Mit Valentina Nafornita als Zerlina und Alessio Arduini (Masetto) bietet Salzburg zwei Solisten mit Hinhörgarantie. Dass Letzterer andernorts bereits als Giovanni gebucht wird, glaubt man sofort. Eine magere Solistenausbeute also. Das Salzburger Mozart-Ensemble – auch so ein Trauma. Oder derzeit einfach eine Utopie.

Markus Thiel

Weitere Aufführungen am 30. Juli sowie am 3., 6., 12., 15. und 18. August; Telefon 0043/ 662/ 8045 500.

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