Angst vor dem Denken

- 60 Jahre nach Kriegsende noch mehr - aber ja nie genug - Aufarbeitung der Nazi-Verführungsmechanismen: nach Heinrich Breloers TV-Vierteiler "Speer und Er" sollte man sich jetzt "Ein Kind unserer Zeit" ansehen, einen aus dem gleichnamigen Horváth-Roman von 1938 destillierten Monolog.

<P>Der vom Bildschirm her bekannte Sebastian Bezzel - Fernsehpreis 2004 für seinen Polizisten Ulf Meinerts in "Abschnitt 40" - hat Horváths Helden tragisch-komisch auf die Bühne gestellt, mit Georg Büttel als Co-Autor/Regisseur (Pasinger Fabrik).</P><P>Wegschauen aus Eigennutz, die Kälte des Gefühls wird zur Schuld - quer durch alle Gesellschaftsschichten. Der Architekt Albert Speer macht sich für in Aussicht gestellte gigantomanische Verwirklichungsmöglichkeiten zu Hitlers Hure (Sohn Albert im Interview: "Alle Architekten sind Huren"). Horváths junger Arbeitsloser rechtfertigt mit den eingeimpften Parolen - "Ohne Lüge gibt's kein Leben", "Krieg ist ein Naturgesetz" - die militärische und politische Brutalität, weil er nun als Soldat endlich Essen, einen warmen Mantel, Disziplin und im Hauptmann einen Vaterersatz gefunden hat. </P><P>Bezzel macht das gut: In einer von ihm ausgestellten, sauber gewaschenen jugendlichen Biederkeit wird auf einfach-eindringliche Weise nachvollziehbar, wie es dazu kommen konnte, dass eine ganze Jugend ihrer Verführung zustimmte. Horváth lässt in diesem seinem letzten Werk den Helden die Wahrheitsverdrängung überwinden: "Ich hab allmählich keine Angst mehr vor dem Denken, da mir nichts mehr anderes übrig bleibt", ist seine Selbsterkenntnis, nachdem sich sein Hauptmann aus Grauen vor dem unmenschlichen Morden den feindlichen Kugeln entgegengeworfen hat und er selbst, im Versuch ihn zu retten, zum Invaliden geschossen wurde. </P><P>Bezzel spielt eine Stunde lang aus einer lässigen Kraft heraus. Hat eine starke körperliche Präsenz, die seiner Figur mit groben Strichen auch eine Komik abgewinnt. Sehr störend das vom Insider-Premierenpublikum bereits mitgebrachte Lachen, auch da, wo kaum Anlass gegeben war.</P><P>Nochmals 19. und 20. Mai. Karten 089/ 834 20 14.<BR></P>

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