Die Angst vor der Glätte

- Der vollkommene Schauspieler: Wäre das einer, der unendlich perfekt ist in der Beherrschung seiner Mittel? Dessen Stimme tut, was sie soll und was er will, dessen Leib ihm gehorcht von der Haarspitze bis in den Nagel des kleinen Zehs, dessen Mienenspiel so beherrscht ist, dass er selbst die Darstellung äußerster Unbeherrschtheit beherrscht, dessen Kopf weiß, was sein Körper tut - kurz, der versteht, was er auszudrücken hat, und dies auch auszudrücken versteht? Gelenkt, geführt, geleitet von Einsicht und Gefühl, von Intellekt und Instinkt?

<P>Das wäre der Schauspieler als perfekte Maschine - nein, besser, und wahrer, als sein eigenes perfektes Instrument, als Mittel und Membrane, um durch den Körper hindurch den Geist zum Reden, zum Klingen zu bringen - zum Spielen. Ein beseeltes Instrument also.</P><P>Wir wissen ja, auch die Geige hat eine Seele. Und darin steckt nichts Verblasen-Verquastes, sondern etwas ganz Schlichtes, vom Geigenmacher in den Korpus eingebaut, ein Stück Holz. Ein singendes Stück Holz. Die Seele, die dem Ton den Klang gibt. So wäre der Schauspieler also eine beseelte Maschine?</P><P>Das kann er sein - und er ist schon unendlich viel, wenn er das ist. Einer, der alles kann - und der den Zuschauer alles glauben machen kann, empfinden, fühlen und begreifen.<BR>Was aber fehlte diesem noch? Er bestünde allein aus dem, was ihn unterscheidet von dem, für den er spielt. Theater meint ja nicht nur sich selbst, sondern zielt auf und spielt mit dem Betrachter. Dem aber wäre er, so nah er ihm rücken kann, weil er ihm alles vorstellen kann, doch auch unendlich fern - und wenn er nur einer wäre, der alles kann, aber nichts ist. Also Menschenfinder, Menschenfänger - und doch kein Mensch.</P><P>Jung genug, um auch der Wirkung zu misstrauen."<BR>Gisela Stein</P><P>Aber auch ein Mensch zu sein, also das Fehlbare, Verwundbare, Schiefe, Missglückte, das im Menschen steckt und das gegen das Geglückte ankämpft und aus dem Virtuosen für alles erst den einen macht, den Unverwechselbaren, den Freund, den Feind des gleichermaßen unvollkommenen Komplizen im Zuschauerraum - das mitzunehmen in die beherrschte Ausübung des Berufs hinein: Das ist vielleicht der Punkt, jenseits dessen die Kunst erst anfängt.</P><P>Jens Harzer, dem heute Ausgezeichneten, ist dies wohl bewusst _ so jedenfalls lehrt es mich jede Begegnung mit ihm, sei es auf der Probe, im Gespräch oder im Spiel.<BR>Alt genug, um gelernt zu haben, was man können kann und wie man es zur Wirkung bringt, ist er noch jung genug, um eben dem Lehr- und Lernbaren wie auch der Wirkung heftig zu misstrauen. Dies Misstrauen, diese Angst vor der Glätte, der Kälte, dem Schnellfertigen ehrt ihn. Sie zeigt, da ist einer, der sich mit dem Machbaren, und das heißt auch dem einmal erfolgreich Gemachten, nicht zufrieden geben mag.</P><P>"Jens Harzer ist klug - und deshalb gefährdet."<BR>Gisela Stein</P><P>Nun hat jedes Stadium der Entwicklung im Leben eines Schauspieler-Menschen seine Gesetze - und freilich auch seine Gefahren. Der kluge, leidenschaftliche, ehrgeizige junge Künstler sucht wohl, um dem Fehler eines hohlen Allgemein-Virtuosentums ganz sicher zu entgehen, oftmals sein künstlerisches Heil im Extrem-Speziellen - und findet es kühn im Fehler, in der Gegenläufigkeit, im Rauen. Merkt er nicht auf, kann eben diese Suche nach der ungekämmten Wahrheit des Menschlichen, weil sie diese allein in der Opposition zum Geglückten vermutet, zur Methode - und damit selbst unversehens zur Manier werden und also zu genau dem technischen Kunststück, das sie vermeiden wollte.</P><P>Jens Harzer ist klug - und deshalb gefährdet. Jens Harzer ist aber, weil er klug ist, so klug, diese Klippe zu sehen: Die Gabe der Reflexion ist es, die aus dem Hochbegabten den Künstler macht. Die Fähigkeit, das Ungerade sichtbar zu machen, wird er hinübernehmen lernen ins Gerade. Denn das, scheint mir, ist das letzte Ziel, unerreichbar scheinend vielleicht - und doch im glücklichen Augenblick Theaterwirklichkeit: das Ineinsfallen von Menschsein und Vollkommensein, von Konflikt und Lösung, von Überwältigtsein und Bewältigung.</P><P>Jens Harzer ist auf dem Weg. Voller Neugier sehe ich ihm dabei zu, wie er ihn weiter geht und weiter findet.<BR>Gisela Stein, Schauspielerin des Bayerischen Staatsschauspiels, hielt diese Laudatio auf ihren Kollegen Jens Harzer anlässlich der diesjährigen Verleihung des Kurt-Meisel-Preises.</P>

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