Die Angst des Mittelstandes

- Der Kohlegrubenbesitzer Hoffmann schwelgt in Austern und Champagner. Seine neureiche Familie säuft sich zu Tode. Und der revolutionäre Jugendfreund Loth hält Moralpredigten, ehe er entsetzt vor den schlechten Erbanlagen der Tochter des Hauses flieht. Lauter kapitalistische oder scheinheilige Heuschrecken bevölkern Gerhart Hauptmanns Bergarbeiter-Drama "Vor Sonnenaufgang". Der 36-jährige Thomas Ostermeier, künstlerischer Leiter der Berliner Schaubühne, inszeniert nach "Der starke Stamm" an den Münchner Kammerspielen nun das Urstück des deutschen Naturalismus. Premiere ist Sonntag um 19.30 Uhr.

<P class=MsoNormal>Naturalistische Stücke kommen mit ihren langen Regieanweisungen, Milieuschilderungen undDialektpassagen recht behäbig daher. Wurde Ihnen dieses Stück angetragen?<BR>Ostermeier: Sie werden es nicht glauben, aber ich habe es mir selbst ausgesucht. Ich trage es seit Jahren mit mir herum. Im Konflikt zwischen Loth und Hoffmann geht es um Rebellion gegen das Establishment. Arrangiert man sich mit diesem oder will man etwas verändern? Die Frage ist sehr aktuell vor dem Hintergrund der dahinsterbenden Sozialdemokratie. Auch dieses Stück wirkt behäbig. Mir geht es um das, was ich in diesem Stoff sehe: die Angst des heutigen Mittelstands. Angst vor dem sozialen Abstieg. Ein Thema, das immer drängender wird. Da ich das Drama in die asiatischen Sweatshops verlegt habe, wird Pidgin-Englisch statt Dialekt gesprochen.</P><P class=MsoNormal>Ihre Inszenierungen eint der sozialkritische Aspekt. Ist er Vorbedingung für Ihre Arbeiten?<BR>Ostermeier: Im Moment ja. Der Grund ist: Als ich noch nicht Theater machte, hat es mich angeödet, was ich dort zu sehen bekam. Weil es nichts mit dem zu tun hatte, was mich bewegt im Privaten. Oder die Gesellschaft. Solange ich mich an diese Langeweile erinnern kann, bleibe ich bei diesem Genre.</P><P class=MsoNormal>Sie waren daran beteiligt, die so genannte neue englische Dramatik an deutschen Bühnen populär zu machen. Beobachten Sie ein Ende dieser Welle?<BR>Ostermeier: Es sind inzwischen im deutschsprachigen Raum Autoren nachgewachsen. Das ist auch Folge dieser englischen Dramatik. Als Sarah Kane noch lebte, wies sie deren Vorreiterrolle bei einer Podiumsdiskussion in Berlin ab und sagte, mit eigenen deutschsprachigen Stücken würde dieses Theater genauso funktionieren. Und so kam es ja auch. In der englischen Dramatik gab es immer wieder sozialkritische Wellen: in den 50ern Arnold Wesker, in den 60ern John Osborne, in den 70ern Edward Bond. Dass dieser Impuls vom angelsächsischen Drama ausgeht, liegt an der englischen Tradition des Autoren-orientierten Theaters. Man versucht, das Publikum mit Inhalten anzuziehen, weniger durch die ästhetischen Mittel. Diese engagierte Literatur ist auch kein Wunder in einer Zweiklassengesellschaft wie der englischen.</P><P class=MsoNormal>Das Sozialkritische ist Ihr Anliegen. Es könnte einmal heißen, Sie machten nichts Neues mehr - oder hätten sich davon abgekehrt und es verraten. Welche künstlerischen Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie für sich?<BR>Ostermeier: Ich bin erstaunt, wie viele zum bürgerlichen Kanon gehörende Stücke noch ausstehen, in einer modernen Lesart inszeniert zu werden. Bei dieser Arbeit war ich zum Teil unbefriedigt von der ästhetischen Ausrichtung. Ich habe deshalb abstrakter gearbeitet. Das ist ein Weg, den ich vor mir sehe.</P><P class=MsoNormal>Woher die Idee, das Stück nach China zu verlegen?<BR>Ostermeier: Ich möchte die Ausuferungen der Globalisierung zeigen. Die Sweatshops sind ein Thema, das wir durchaus als nah empfinden können: 80 Prozent dessen, was wir auf der Haut tragen, wird in Asien hergestellt. Von jungen Frauen, deren aufrührerisches Potenzial nicht so groß wie bei Männern ist. Die Aufseher sind natürlich Männer. Sexuelle Belästigung, das Verbot, sich gewerkschaftlich zu organisieren, arbeitsbedingte Erkrankungen, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen - ein Horror, der den Bedingungen des schlesischen Kohlebergbaus sehr nahe kommt.</P><P class=MsoNormal>Was sind Ihre nächsten Projekte?<BR>Ostermeier: Eine musikalische Produktion mit Tänzern und Schauspielern. Dann "Hedda Gabler". Und "Elektra".</P><P class=MsoNormal>Ein antikes Stück? Das ist neu in Ihrer Laufbahn . . .<BR>Ostermeier: Es ist O'Neills "Trauer muss Elektra tragen". Was die antiken Stücke angeht: Ich habe ja noch ein Alterswerk vor mir.</P><P class=MsoNormal>Das Gespräch führte Christine Diller</P>

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