Die Angst vor der Moderne

- War das nötig? Noch eine Hitler-Biografie? Ja, es war nötig, findet Rafael Seligmann, Historiker, Essayist und Schriftsteller, dessen Buch "Hitler. Die Deutschen und ihr Führer" soeben erschienen ist. Klar ist, dass das Thema noch längst nicht ad acta zu legen ist. Es wird auch die folgenden Generationen weiterhin beschäftigen. Seligmanns Konvolut unterscheidet sich von der Mehrheit anderer, wissenschaftlicher Biografien vor allem in seiner Leichtlesbarkeit.

<P>Er verzichtet auf Fußnoten, detaillierte Anmerkungen und auf dieses "Schaut her, was ich alles zitiere" - nicht etwa, weil er dazu nicht in der Lage wäre, sondern weil er hofft, so sein Werk einer breiteren und jungen Leserschaft zugänglich zu machen.<BR><BR>"Auf sich selbst gestellt, war der Postkartensammler ein Niemand." Rafael Seligmann</P><P>"Es ist unbestritten", sagt Seligmann, "dass Hitler die zentrale Figur des 20. Jahrhunderts war. Nicht seine Persönlichkeit, sondern in dem, wofür er stand, was er ausgedrückt hat." Seligmann: "Es gibt viele Biografien, die sich mit ihm beschäftigen. Interessant aber ist darüber hinaus: Wie wurde Hitler möglich? Die Fixierung auf ihn und seine Mitarbeiter erscheint uns heute doch völlig irrelevant. Für mich stellt sich die Frage: Warum folgte man diesem Mann in München und in Berlin? Warum folgte ihm das deutsche Volk?"<BR><BR>Und Seligmann, der deutsche Jude, der 1947 in Tel Aviv geboren wurde und mit zehn Jahren nach Deutschland kam, versucht in seinem Buch herauszufinden: "Warum wählte man diesen Mann? Warum nahm man die Diskriminierung einer Minderheit hin?" Er verweist darauf, dass es bis 1933 in Deutschland eben nicht diesen tödlichen Antisemitismus wie im Pogrom-erprobten Osten gegeben habe. "Warum sind die Menschen für Hitler in den Krieg gezogen? Und warum waren sie selbst im Zusammenbruch noch loyal? Wenn man ,Mein Kampf liest, weiß man, was Hitler vorhatte; weiß man, dass er nicht normal war. Alles Anzeichen dafür, dass man nicht bei der Biografie stehen bleiben, sondern ein Buch schreiben muss über die Deutschen und ihren Führer. Mich hat das deutsche Volk interessiert."<BR><BR>Und zu welcher Erklärung findet der Autor? "Dass die Deutschen des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts eine tief verwurzelte Angst vor der Moderne hatten, vor der Rationalität und der Aufklärung. In diesem zersplitterten, kleinstaatlichen Land war man über die Französische Revolution, über die Wucht der Gewalt entsetzt. Die Ideen der Aufklärung kamen zusammen mit den Franzosen ins Land." Und: "Die Juden", sagt der Jude Seligmann, "waren die Profiteure der Moderne - durch ihre historisch bedingte Beweglichkeit, ihre Bildung, ihre Begabung für Geldgeschäfte. Die Juden waren nicht die Ursache für Hitler, sondern eine Metapher in dem Sinne: Wenn ich die Moderne bekämpfe, dann muss ich die Juden bekämpfen. Hitler hat zwar die modernsten technischen Mittel benützt, aber nur für seine Ideologie von der Rückkehr zur Scholle."<BR><BR>Ob sich das in unserer Zeit wiederholen könne? Seligmann: "Es gibt in den USA eine Tendenz, die sich stark gegen das verruchte New York richtet. Wenn der christliche Fundamentalismus á´ la Mel Gibson weiter an Boden gewinnt, dann trifft das die Moderne, also auch die Juden."<BR><BR>"Die Deutschen hatten den geborenen Österreicher adoptiert." Rafael Seligmann</P><P>Spektakulär und zum Widerspruch herausfordernd ist so manches, das Rafael Seligmann in bewusst provokanter Absicht sagt. So zum Beispiel sein Plädoyer dafür, in Deutschland Hitlers "Mein Kampf" frei zu geben. Warum? "Deutschland ist eine gefestigte Demokratie. Und ich halte die Deutschen für reif genug, sich von diesem Buch nicht verrückt machen zu lassen. Wir haben es nicht nötig, Angst davor zu haben."<BR><BR>Vielmehr sei es notwendig, sich mit der Frage nach dem Warum immer wieder zu beschäftigen. Und zwar, wie Seligmann es mit seinem Buch versuchte, auf eine populäre Weise: "Ich finde, ein gutes Buch muss für alle geeignet sein. Mein Anspruch ist, ein Thema der Zeitgeschichte so zu behandeln, dass es der Schüler genau so verstehen kann wie der Professor. Ein Buch darf nicht ein Hochschulstudium voraussetzen."</P><P>Rafael Seligmann: "Hitler. Die Deutschen und ihr Führer". <BR>Ullstein Verlag, Berlin, <BR>336 Seiten; 22 Euro.<BR></P>

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