Die Angst des Wehrmachtsoffiziers

- Früher, in einem Dorf bei Bad Aibling, wo Michael Stacheder aufgewachsen ist, hat er die Leute in der nahen Kirche beobachtet. Und Beerdigungen nachgespielt, "wegen des Pomps und des Weihrauchs". Jetzt ist Stacheder fast 26, Schauspieler und Regisseur und hebt nicht weniger als ein eigenes Theaterensemble mitsamt kleinem Spielplan aus der Taufe. Begonnen hat er damit eigentlich schon 2004, als er Jutta Schuberts Stück "Die Weiße Rose - Aus den Archiven des Terrors" in der Münchner Reithalle inszenierte und dafür das Junge Schauspiel Ensemble München gründete.

Inzwischen wird das Ensemble von der Kulturstiftung der Stadtsparkasse gefördert und hat Größeres vor. Auftakt der ersten kleinen "Spielzeit" ist heute in der Pasinger Fabrik die Lesung aus den 2005 veröffentlichten Briefen zwischen Sophie Scholl und ihrem Freund Fritz Hartnagel, "Damit wir uns nicht verlieren".

"Diese Lesung ist quasi ein Epilog zum Stück. Der Briefwechsel war damals noch nicht erschienen." Das Augenmerk liege nun auf Hartnagel. "Weil er Wehrmachtsoffizier war, wird ihm oft Unrecht getan. Wir gehen sehr intim vor, wollen weniger das Politische, sondern seine Persönlichkeit zeigen: seine Angst, Melancholie und Depression."

Unterdessen laufen bereits die Proben für gleich zwei neue Inszenierungen, die im April in der Reithalle unter dem Titel "Heimat und Fremde" zu sehen sein werden. Da ist zum einen "Medea" - nicht von Euripides, sondern von Seneca. "Macht doch endlich mal die Römer, nicht immer die Griechen", hatte der mit Stacheder befreundete Altphilologe Udo Segerer geraten und für das Ensemble eine Neuübersetzung angefertigt. "Mit dem Mut, dem Pathos treu zu bleiben und doch heutig und ganz menschlich zu werden", sagt Stacheder und zeigt keinerlei Scheu, sich gleich an den Wahnsinns-Stoff dieser vernichtend leidenschaftlichen Medea-Tragödie zu wagen. "Ich habe keine Angst vor den Klassikern. Im Gegenteil, sie stärken einen. Man muss sie aussaugen."

Das zweite Stück, das Stacheder im April zeigen will: "Mit dem Gurkenflieger in die Südsee" von dem jungen Niederbayern Christoph Nußbaumeder, der das Thomas-Bernhard-Stipendium der Stadt Linz erhielt. "Ich frage mich immer", sagt Stacheder, "warum junge Autoren so wenig über das schreiben, was sie wirklich kennen? Nußbaumeders Stück handelt von polnischen Billiglohnarbeitern, die in Niederbayern auf dem ,Gurkenflieger’, einer Erntemaschine, schuften und am Ende alles verlieren, weil sie den Egoismus hatten, mehr zu wollen, als ihnen das Leben bereit hielt."

Hinter all dem könnte der Traum vom eigenen Theaterhaus stecken: Ja, gibt Stacheder zu. Aber machbar sei das finanziell noch nicht. "Theater fürs Publikum, mit dem Schauspieler im Mittelpunkt" schwebt ihm vor, weil ihn die Arroganz mancher junger Kollegen so sehr ärgere. Vorläufig aber kämpft er einfach und begeistert für sein kleines, junges Ensemble: "Es wäre schön, wenns das länger geben könnte."

Lesung: Pasinger Fabrik, heute und am 31. Januar; Tel. 089/82 92 90 79.

Premieren Reithalle: "Medea", 20. April; "Mit dem Gurkenflieger in die Südsee", 23. April.

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